Mein Nachbar hat ein dunkles Geheimnis. Irgendetwas sich Wehrendes, Stöhnendes hält er in seinem Keller verschlossen. Der Schlüssel zu diesem Geheimnis liegt auf einem Tisch im zweiten Stock. Als kleiner Nachbarsjunge muss ich in Hello Neighbor (PC, Xbox, circa 30 Euro) irgendwie in das Haus eindringen und den Schlüssel an mich bringen. Doch der Nachbar steht meiner Mission im Weg. Erwischt er mich, lande ich wieder vor der Tür, muss von vorne beginnen.

Also überlege ich mir, wie ich ihn austricksen kann. Ich manipuliere den Stromkasten am Haus, drehe den Strom ab und locke den Nachbarn somit aus dem Haus. Dann kann ich dieses durch ein offenes Fenster betreten. Hier verstecke ich mich zunächst in einem Schrank und beobachte durch den Türschlitz die Bewegungsmuster des Nachbarn.

Bis er mich hier entdeckt. Bis der Trick mit dem Strom nicht mehr funktioniert. Bis der Nachbar weiß, was ich tun werde. Denn dieser Nachbar lernt, er ist eine künstliche Intelligenz (KI). Er prägt sich meine repetitiven Muster ein, weiß irgendwann, auf welchem Weg ich in das Haus eindringen möchte.

Aus der Nachbarschaft ins Universum

Ich starte ein anderes Spiel. In Echo (PC, PS4, circa 25 Euro) bin ich nun eine Frau in einem mechatronischen Anzug. Ich erkunde einen weitläufigen Palast auf einem abgelegenen Planeten. Dieser Palast jedoch ist mehr als nur ein Gebäude. Er ist mein Gegner und formt Figuren, die genauso aussehen wie ich. Diese jedoch wollen nicht den Palast erkunden, wie ich es will. Sie wollen mich am Erkunden hindern.

Zum Glück steht mir eine Waffe zur Verfügung. Mit dieser entledige ich mich der Gegner. Schleichen ist in Videospielen noch nie meine Stärke gewesen, meist suche ich den direkten Weg der Konfrontation. Doch das wissen meine Gegner inzwischen. Der Palast hat längst gelernt, dass er mich nur besiegen kann, wenn auch er die Waffen anlegt. Also schießen die Gegner jetzt auf mich – in Massen. Ein Fortkommen ist kaum noch möglich. Es sei denn – ja, es sei denn, ich fange jetzt an zu schleichen.

Eine intelligente Entwicklung

Verändern können Videospiele sich schon seit vielen Jahren. Algorithmen kombinieren Bausteine und kreieren dadurch zufallsgenerierte Welten. So funktioniert etwa Minecraft, in dem die Spieler mit Beginn eines neuen Spiels jedes Mal in einem Level starten, das nur sie so zu Gesicht bekommen werden. Auch No Man's Sky machte 2016 durch diese Methode auf sich aufmerksam. Nahezu unendlich viele Welten versprach das Spiel. Kaum auslotbare Kombinationen sollten für diverse Lebewesen, Planeten und Sonnensysteme sorgen. Viele Spieler derweil saßen in ihren Raumschiffen und entdeckten vor allem eines: die Belanglosigkeit von Baustein-Kombinationen ohne die menschliche Hand, die alledem Sinn gibt.

Denn wenn diese Videospiele auch jedem Spieler und jeder Spielerin eine einzigartige Welt schuf, so war es schlussendlich doch egal, wer die Eingaben machte. Das bestimmende Prinzip war und ist der Zufall.

Eine lernende künstliche Intelligenz in einem Videospiel jedoch kennt kaum Zufälle. Sie ist komplett abgestimmt auf die Eingaben der Menschen. Schon in der Vergangenheit setzten Games diese Technik ein. Doch während Titel wie Tamagotchi oder Nintendogs nur rudimentär und sehr begrenzt auf die Eingaben der Spieler reagierten und aus ihnen lernten, sind mit Hello Neighbor und Echo nun zwei Spiele in diesem Jahr erschienen, die komplexer auf die Eigenheiten der Spieler eingehen können.