Kaum etwas war im Mittelalter komplizierter, als ein Spiel zu speichern. Die Nöte, die Ängste, die ungezügelte Gewalt, sie alle fanden ihren Ursprung in einem unzuverlässigen Speichersystem. Wer das glaubt, sollte besser nicht Kingdom Come: Deliverance oder irgendein Videospiel mit historischem Setting spielen. Alle anderen sehen direkt das Dilemma: Wie soll ein Videospiel vermeintlich geschichtlich authentisch sein, wenn es doch aus der Moderne gesteuert wird? Und was sollte man einem solchen Videospiel eigentlich glauben?

Kingdom Come: Deliverance (Playstation 4, Xbox One, PC, circa 50 Euro) ist ein "realistisches First-Person-Rollenspiel, das Sie ins mittelalterliche Europa entführt", sagt die Werbung. Im Böhmen des 15. Jahrhunderts dürfen die Spieler einen Niemand spielen. Ein Niemand, der in einen Krieg geraten ist, mit dem er nichts zu tun hat. Ein Konflikt zwischen König Wenzel IV. und seinem Halbbruder Sigismund. Direkt aus den Geschichtsbüchern kommend, wird hier eine aus heutiger Sicht recht unbedeutende Periode zur Kulisse eines Videospiels. Diese Kulisse, so die Entwickler, sei so detailreich aufbereitet worden wie nie zuvor. Authentisch soll die Welt sein.

Der unbedeutende Niemand ist die große Stärke des Spiels. Es bietet nicht die sonst so übliche Machtfantasie. Die Spieler sind nicht Nabel der Welt, keine Weltenretter. Sie sind ein winziger Teil eines – aus globaler Sicht – kleinen Landabschnitts. In diesem müssen sie ein alltägliches Leben bestreiten. Stehen sie etwa müffelnd und mit verdreckter Kleidung vor einem hierarchisch über ihnen Stehenden, hat das Konsequenzen. Ja, tatsächlich gehört in diesem Spiel auch Kleiderwaschen dazu. So eine mittelalterliche Kluft wird dreckig, wenn die Spieler auf der Suche nach Essen durch Wälder streifen oder Tiere jagen. Denn auch das gehört zu den täglichen Problemen: die Versorgung mit Nahrung. Das Verlangen nach Realismus äußert sich in vielen Details, die einen Alltag simulieren sollen, der dem eines spätmittelalterlichen Niemands nahekommt.

Speichern, bis der Minnesänger kommt

Leider wird dieses Vergnügen derzeit noch stark durch die technische Umsetzung gebremst. Besonders auf der Playstation 4 stören Abstürze, Bugs und Framerate-Einbrüche die Erfahrung wie die Pest, um im Thema zu bleiben. Das macht das Speichersystem nur schlimmer. Nicht wie oftmals üblich können die Spieler jederzeit speichern. Sie müssen sich in ein Bett legen. Oder einen Retterschnaps trinken, der jedoch stark limitiert ist. Und hier liegt auch die Krux des Spiels. In einer falsch verstandenen Authentizität. Denn das Wort ist nicht nur schwierig auszusprechen, sondern noch schwieriger in populären Medien umzusetzen.

Das Speichersystem, eine ziemlich behäbige Steuerung, ein nerviger Schwierigkeitsgrad, sie alle sollen wohl die angenommene Mühsal des Mittelalters erfahrbar machen. "Das Mittelalter wird sehr gerne als Projektionsfläche genutzt", sagt Johannes Helmrath, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Besonders in den populären Medien gebe es zwei beliebte Rezeptionen. Entweder das dunkle, grausame Mittelalter der Pest. Oder aber die romantisierte Sichtweise: das Mittelalter als "authentisches Zeitalter", in dem Menschen noch bodenständig, noch echt waren. Eine Zeit, die durch die Moderne mit ihrer Dekonstruktion zerstört wurde. "Der Anspruch auf Authentizität ist immer verdächtig", sagt Helmrath. Meistens handele es sich um aktuelle Weltanschauungen, die übertragen würden.

Ein wenig macht sich Kingdom Come: Deliverance eines Mittelalterkitsches verdächtig. Die Musik ist mittelalterlich und heroisch, wie man sie aus Filmen kennt. Ignoriert wird, mit welchen Instrumenten im 15. Jahrhundert wirklich Musik gemacht wurde. Männer mit bodenständiger und ehrlicher Arbeit wollen nur das Beste für ihre Frauen und Kinder. Generell hört bei den Geschlechterrollen so ziemlich die Vorstellungskraft auf. Die wird einfach von heute auf damals übertragen. Dabei waren auch die Rollen, Bilder und Aufgaben von Frauen im Mittelalter sehr viel differenzierter als oftmals angenommen. Und das obwohl die Entwickler doch mit solcher Akribie die Geschichtsbücher gewälzt hätten.