Es beginnt mit einem Eignungstest. Als Anwärter auf den Posten bei der nationalen Überwachungsbehörde gilt es einige Fragen zu beantworten. Zum Beispiel, welcher von vier eingeblendeten Personen man am ehesten ein Verbrechen zutraut. Oder auch, ob "absolute Wahrheit existiert". Nach dem Test folgt das ernüchternde Ergebnis: nicht bestanden! Es sei denn, man ist bereit, den Test nochmals zu absolvieren und die Antworten anzupassen. Wer darin einwilligt, gilt automatisch als geeignet.

Der Eignungstest dient als Prolog zu Orwell: Ignorance is Strength. Das PC-Spiel (circa zehn Euro) der Hamburger Osmotic Studios ist eines von immer mehr Games, die sich mit den Themen Überwachung und Fake News beschäftigen. Der Vorgänger Orwell wurde beim Deutschen Computerspielpreis 2017 als bestes Serious Game gekürt. Mit Ignorance is Strength legt Osmotic nun nach, das Spiel erscheint in drei Episoden zwischen dem 22. Februar und 22. März. Bei Filmen und Serien sind wir daran gewöhnt, dass sie wichtige Beiträge zur Überwachungsdebatte liefern, zuletzt etwa Citizenfour oder Mr. Robot. Doch was kann speziell das Medium Computerspiel dazu beitragen, wie Überwachung und Meinungsmanipulation erfahrbar machen?

Da wäre zunächst die Sache des Perspektivwechsels. Der Film Das Leben der Anderen zeigt den DDR-Überwachungsapparat von verschiedenen Seiten: aus der Sicht eines Stasi-Hauptmanns und aus Sicht derjenigen, die er abhört. Auf die Art der Darstellung haben Zuschauer und Zuschauerinnen keinen direkten Einfluss, wohl aber darauf, wie sie das Gesehene gewichten, welche Schlüsse sie daraus ziehen. Computerspiele hingegen versetzen ihre Nutzer meist in bestimmte Rollen: die des Grenzbeamten in Papers, Please, die des Drohnenpiloten in Drones, The Human Condition – oder eben auch die des Überwachenden in Orwell.

Im besten Fall überlassen die Games den Spielern, wie wir diese Rollen dann ausfüllen. Ob sie mitspielen – oder eben nicht. Ob das Spiel abweichendes Verhalten überhaupt ermöglicht, sagt viel darüber aus, ob die Macher uns eine eigene Meinung zutrauen. In Papers, Please mag es moralisch gerecht erscheinen, als Grenzbeamter auf harte Sanktionen wie Familientrennungen zu verzichten. Schon gar nicht mehr so leicht ist die Frage allerdings, wenn mangelndes Durchgreifen am Grenzposten mit Sanktionen gegen die eigene Familie belegt wird. Auch Orwell: Ignorance is Strength überlasst seinen Spielerinnen, ob sie die Fahndung nach vermeintlichen Terroristen mit vollem Eifer vorantreiben – oder ob sie die Staatsfeind-Datenbank bewusst mit falschen Informationen füttern. Das führt dann dazu, dass die Ermittlungen stocken. Oder dass vielleicht sogar die Falschen verhaftet werden.

Wie gehen Diktaturen mit der Wahrheit um?

Die Fahndung inszeniert Orwell: Ignorance is Strength als eine Art Puzzlespiel: Auf regierungstreuen und regierungskritischen Websites suchen Spieler nach sogenannten Information Chunks, die blau hinterlegt sind und die sie in oben genannte Datenbank kopieren können. Auch Chatprotokolle und Telefonate verdächtiger Personen lassen sich auswerten. Dass ein solch mächtiges Überwachungssystem in die Hände eines Berufseinsteigers gelegt wird, wirkt gekünstelt – genauso wie die Tatsache, dass einmal eingespeiste Informationen nicht mehr geändert werden können. Bisweilen müssen Spieler sich auch zwischen zwei Informationen entscheiden, die einander faktisch widersprechen – die betreffenden Textstellen sind dann gelb eingefärbt.

Als Spiel versucht Orwell denn auch keineswegs, reale Überwachungsszenarien zu simulieren. Stattdessen schickt es die Spieler auf einen Balanceakt zwischen moralischen Entscheidungen und dem kaum zu leugnenden Spaß an der investigativen Schnitzeljagd. 

Orwell exerziert gekonnt durch, wie eine Diktatur mit Wahrheit umgeht. Schon der Einstellungstest verdeutlicht: Wer die Macht hat, hat auch die Wahrheit auf seiner Seite. Ist Wahrheit auch beliebig biegbar, steht an oberster Stelle doch immer das Wohl der Nation. Und wer für die Nation arbeitet, definiert sich zugleich darüber, dass er den Nachbarstaat als feindlich einstuft. Denn Wahrheitskonstruktion bedeutet auch immer, das auszuschließen, was die anderen zu sagen haben. Nach dieser Logik warnt die KI-Vorgesetzte dann auch davor, regierungskritische Medien als zuverlässige Recherchequellen einzustufen und heizt die eigenen "Fahndungserfolge" mit weiteren Mutmaßungen an.

Die erste Episode beschäftigt sich vor allem mit Überwachung. In Episode 2 oder 3 werden Spieler dann auch Zugriff auf den Kanal zur massenmedialen Beeinflussung haben. Interessant dürfte sein, ob und wie Orwell die geheimdienstliche Recherche an die Produktion von Fake News koppelt. Und wie die Spieler die Wahrheitskonstruktion und Meinungsmanipulation reflektieren.