Minecraft ist eines der meistverkauften und bekanntesten Videospiele überhaupt: Mehr als 144 Millionen Mal ist das Bastelspiel seit 2009 über die Ladentheke gewandert, es ist längst zum Synonym für Kreativität in Videospielen geworden.

Auch heute, neun Jahre nach Erscheinen, ist in dieser virtuellen Welt noch viel los: Auf den Tausenden Servern bauen täglich über 75 Millionen Spieler an ihren Häusern, Burgen und Städten herum, die sie dann stolz in Let's Plays, also Onlinemitschnitten des Spiels, Fotogalerien und Internetforen präsentieren. Doch die Welt von Minecraft besteht aus noch mehr als nur den pompösen Bauten und Kunstwerken der Fans.

Hunderttausende Botschaften und Hinterlassenschaften sind auf verwaisten Servern verstreut. Einige Spieler sind wahrscheinlich gar nicht mehr aktiv. Ihre Spuren sind aber noch da: Leerstehende Gebäude, Grußbotschaften, Tagebucheinträge und verzweifelt klingende Monologe, die an die Wand gekrakelt wurden. Eine kleine Spielergemeinschaft hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, diese vergessenen Nachrichten aufzuspüren.

Angeführt werden die knapp 50 Abenteurer von Matt. Der Minecraft-Spieler hat auch einen Nachnamen, möchte ihn aber nicht preisgeben, weil er seine reale Identität von seiner virtuellen getrennt halten möchte. Zu Matts aufregendsten Funden zählt ein Schrein mit vielsagenden Grußnachrichten, wie er im Interview mit ZEIT ONLINE erzählt: "Mitten im Nirgendwo entdeckte ich eine kleine Insel, auf der jemand offenbar eine Art Grab für einen Spieler namens 'Charlie' errichtet hat." Neben sorgsam platzierten Blumen und Fackeln entdeckt Matt auch eine Abschiedsbotschaft: "Ruhe in Frieden Charlie. Schüler, Gamer, Freund. Niemand hier kannte ihn, aber ich werde ihn nie vergessen."

Das virtuelle Grab eines Spielers namens Charlie, das Matt auf einer einsamen Insel entdeckt hat © Screenshot Matt

Matt hat keine Möglichkeit herauszufinden, wer das Grab errichtet hat, und ob er wirklich auf die Erinnerung an einen tatsächlich verstorbenen Menschen gestoßen ist. Ihm bleiben nur die Entdeckung und die Geschichten, die er sich dazu ausmalt.

Die virtuelle Welt ist voller unentdeckter Geheimnisse

Morbide Funde, wie das Grab auf der Insel, sind alles andere als selten. Matt berichtet von einem Ausflug in ein weitläufiges Säulensystem, das ein Spieler ausgehoben und anschließend mit Botschaften gepflastert hat, die depressiv und hoffnungslos klingen: "Wenn ich mich heute umbringe, dreht sich die Welt trotzdem weiter", "Ich bin verzweifelt und will, dass alles endet" oder "Heute gehe ich den letzten Schritt" steht hier an den virtuellen Wänden und auf dem Boden geschrieben. Es ist ein beunruhigender Anblick. Matt und sein Team versuchen, derartige Funde nicht zu sehr an sich heranzulassen: "Ich rede mir gerne ein, dass diese Nachrichten harmlose Monologe sind, mit denen sich diese Spieler etwas Luft machen wollten. Immerhin sind die meisten dieser Botschaften so gut versteckt, dass sie eigentlich niemand finden kann."

Zehntausende Botschaften gesichtet und dokumentiert

Ein unbekannter Spieler hat diesen langen Tunnel gegraben und anschließend mit traurigen, hoffnungslosen Zitaten und Monologen plakatiert. Wer der Erbauer ist, kann Matt nicht mehr rekonstruieren. © Screenshot Matt

Doch wie finden Matt und seine Freunde dann die Botschaften? Dafür haben sie eine eigene Anwendung programmiert, mit der sie alle gespeicherten Datensätze auf jedem beliebigen Minecraft-Server anzapfen können. Anschließend können sie, wie in einem gigantischen Textdokument, nach Schlagworten suchen. Ursprünglich hatte Matt das Programm entwickelt, um an einer Schnitzeljagd der Minecraft-Community teilzunehmen. Doch er sah zu viel Potenzial in seinem selbst gebastelten Werkzeug, um es anschließend ungenutzt herumliegen zu lassen.

Durchsucht der Minecraft-Forscher einen Server mit seinem Programm, fördert er durchschnittlich zwischen 20.000 und 450.000 Dokumente, Botschaften und virtuelle Tagebucheinträge von Spielern zutage. Mit Suchanfragen wie "Ich hasse mich", "Selbstmord" oder "Verzweiflung" landet er oft Hunderte Treffer. Als Voyeur will sich Matt aber nicht bezeichnen lassen: "Ich will mich nicht an diesen Funden ergötzen oder so was. Aber wenn ich diese Botschaften nicht suchte, würde niemals jemand von ihnen erfahren! Wir sind quasi so etwas wie Geheimnissucher."

In den letzten Monaten haben Matt und sein Team Zehntausende Botschaften gesichtet und dokumentiert. Nun stellen sie sich die Frage, was sie mit ihren Funden anstellen sollen. Matts persönlicher Wunsch: eine Art "Große Bibliothek von Minecraft", die ähnlich wie die antike Bibliothek von Alexandria alle Botschaften und Nachrichten sammelt und in einer großen Onlinedatenbank zur Verfügung stellt. "Für diese Datenbank könnten wir dann eine riesige, virtuelle Bibliothek bauen, in der Minecraft-Spieler herumspazieren und auf eigene Faust die Datensätze erkunden dürfen", breitet Matt seine Pläne aus. Begonnen haben die Bauarbeiten an dem Großprojekt noch nicht: "Bisher fehlte uns einfach die Zeit."

Die virtuelle Forschergemeinschaft wächst — auch außerhalb von Minecraft

Matt und seine Minecraft-Forschergruppe sind bei Weitem nicht die einzigen Abenteurer, die Videospielwelten durchstreifen und nach den Hinterlassenschaften anderer Spieler suchen. In diesem Moment reisen dutzende Onlinearchäologen durch den virtuellen Weltraum des Videospiels No Man's Sky und kartografieren Planeten, die ehemals von anderen Spielern bewohnt oder als Treffpunkt genutzt wurden.

Ihr Anführer ist Andrew Reinhardt, der seit einigen Monaten verschiedene Expeditionen in den virtuellen Galaxien durchführt und die spektakulärsten Funde auf seinem Blog präsentiert. Dazu zählt ein Planet, auf dem die Archäologen eine ganze Reihe von Botschaften entdecken konnten, die Spieler ähnlich wie eine Flüsterpost während ihrer Reise durchs All hinterlassen haben. Nichtssagende Nachrichten, die nur aus lachenden Smileys bestehen, mischen sich unter verzweifelt klingende Hilferufe von verirrten Weltraumreisenden oder "Ich-war-hier!"-Bekundungen. Reinhards Forscherteam dokumentiert, wie Minecraft-Abenteurer Matt, jeden Fund und organisiert die Botschaften in einer großen Datenbank.

Kommunikationsdrohnen wie diese speichern in "No Man's Sky" die Nachrichten der Spieler. In diesem Fall lautet die Botschaft: "Oldbiker187 hat den Planeten Hova besucht." © Screenshot Andrew Reinhard

Einen wirklichen praktischen Nutzen hat die Auswertung dieser Ergebnisse zwar nicht — doch darum geht es Andrew Reinhardt und Matt auch nicht: Den Reiz an ihrer Arbeit macht viel mehr die Aussicht darauf aus, virtuelle Spielwelten aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben und den Geschichten ihrer Bewohner nachzuspüren, die sonst ungehört verhallten.