Donkey Kong ist schwer, brutal schwer. Nur die wenigsten Spieler, die sich an Nintendos Automatenklassiker aus dem Jahr 1981 gewagt haben, dürften am Ende tatsächlich Pauline aus den Griffen des namensgebenden Gorillas befreit haben. Die meisten Spieler und Spielerinnen verlieren ihre drei virtuellen Leben schon viel früher. Umso beeindruckender sind die Weltrekorde, die bis heute immer wieder gebrochen werden, zuletzt im März. Und umso schwerer wiegen die Vorwürfe, dass einer der erfolgreichsten Donkey-Kong-Spieler der Geschichte gleich bei mehreren seiner Highscores betrogen haben soll.

Dieser Spieler heißt Billy Mitchell. Einst wurde er als "der beste Arcade-Spieler seiner Ära" bezeichnet. Er knackte mehrfach den Punkterekord in Donkey Kong und erreichte als erstes ein perfektes Spiel in Pac-Man mit der höchstmöglichen Punktezahl. Viele Jahre stand sein Name im Guinness Buch der Rekorde. Mitchell war zudem lange eng mit Twin Galaxies verbunden, einer Organisation, die 1981 aus einer Spielhalle in Iowa heraus begann, die Highscores von Games zu sammeln und zu verifizieren – und die Mitchell nun stürzte wie Jumpman den Gorilla am Ende von Donkey Kong.

Dabei geht es um mehr als um eine Auseinandersetzung zwischen Nerds. Es geht um das Phänomen von Cheatern in Games, die nun wie in traditionellen Sportarten Jahre später enttarnt werden. Und es geht um die späte Gerechtigkeit für einen Spieler, der vor etwas mehr als zehn Jahren um seinen Weltrekordtitel gebracht wurde.

Eine verhängnisvolle Software namens Mame

Vorangegangen war ein Beitrag von Jeremy "xelnia" Young Anfang Februar, der das Donkey-Kong-Forum leitet. In seinem Beitrag untersuchte er mit animierten GIFs drei Spiele von Billy Mitchell, in denen dieser jeweils mehr als eine Million Punkte erreicht hatte, was zu den damaligen Zeitpunkten jeweils ein neuer Weltrekord war.

Young warf Mitchell vor, die Spiele nicht auf der Original-Hardware eines Spielautomaten gespielt zu haben, wie es die Voraussetzung für die Aufnahme in die Bestenliste war. Er soll stattdessen einen Multiple Arcade Machine Emulator (Mame) benutzt haben. Die Software dient dazu, alte Arcade-Spiele auch auf modernen Computer spielen zu können. Weil sich das Spielerlebnis aber von dem eines Automaten unterscheidet, gibt es für die Mame-Version von Donkey Kong gesonderte Bestenlisten.

Vor allem aber ermöglicht der Emulator, leichter zu betrügen. So ließe sich etwa pausieren oder an einem früheren Punkt wieder anfangen, was natürlich der Idee eines durchgängigen Spiels widerspricht. Da Billy Mitchell die drei Weltrekorde nicht vor Publikum spielte, sondern lediglich Videoaufnahmen an Twin Galaxies schickte, lassen sich die Aufnahmen nachträglich untersuchen. Jeremy Young analysierte, wie sich das Bild zu Beginn jeder Spielstufe aufbaute. Seine Erkenntnis: Der Emulator erstellt die Level anders als der Automat – ein Zeichen, dass Mitchell die Software nutzte und möglicherweise gecheatet hat.

Die Prüfer von Twin Galaxies nahmen sich daraufhin der Sache an. Gerade veröffentlichten sie ihre Ergebnisse: Ja, Mitchell habe zumindest in zwei Fällen nicht die Originalhardware genutzt. Nein, man könne nicht mit Sicherheit bestätigen, dass er Mame verwendet habe. Aber die Ergebnisse deuteten somit dennoch auf einen möglichen Betrugsversuch hin. Sämtliche Highscores von Mitchell, auch die bis dato nicht beanstandeten, wurden von der Website entfernt. Guinness reagierte ebenfalls.

Der Bad Boy gegen den Lehrer

Die Geschichte könnte an dieser Stelle enden. Ein mutmaßlicher Cheater wurde enttarnt, so what? Den aktuellen Weltrekord hielt Mitchell ohnehin schon lange nicht mehr, seine beste Punktzahl stand nur noch auf Platz 12 der ewigen Bestenliste. Der Skandal wäre nicht mehr als eine Fußnote in der Geschichte, wenn da nicht die Sache mit King of Kong wäre.

So heißt ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007, der den Kampf um einen neuen Highscore in Donkey Kong begleitet. Auf der einen Seite: Billy Mitchell aus Florida, Weltrekordhalter seit über 20 Jahren, eine Koryphäe in der Gamingszene, Restaurantbetreiber, Hot-Sauce-Connaisseur und jemand, der von sich selbst ein bisschen zu sehr überzeugt ist und Krawatten mit der USA-Flagge trägt. Auf der anderen Seite: der Lehrer Steve Wiebe aus Oregon, Vater zweier Kinder, Hobbymusiker und insgesamt gemütlicher Kerl, der es sich in einer Laune aus Langweile und Perfektionismus zum Ziel gesetzt hatte, Mitchells Weltrekord zu knacken.

King of Kong begleitet Wiebes Weg an die Spitze. Der Film zeigt, wie Wiebe als erster Spieler überhaupt die eine Million Punkte erreicht, die Verantwortlichen von Twin Galaxies das Spiel aber nicht akzeptierten, da sie vermuten, Wiebe könnte veränderte Hardware genutzt haben (hatte er nicht). Der Film zeigt, wie er später vor Publikum mehr als 800.000 Punkte erspielt und den Weltrekord knackt – nur um am gleichen Abend ein Video von Billy Mitchell zu erhalten, in dem dieser wiederum 1.000.000 Punkte toppt. Es ist das gleiche Video, das nun als mutmaßlicher Betrug enttarnt wurde und das damals Wiebes Traum von der Bestenliste platzen ließ.