23. Januar 2018, Sonnensystem 9-4RP2, die Region Cloud Ring: Die Flotten der Northern Coalition um die Pandemic-Horde-Allianz bereiten sich auf einen Angriff des Imperiums vor, einer von der berüchtigten Goonswarm Federation geführten Koalition. Ziel der Angreifer ist eine Weltraumzitadelle, das Bollwerk soll zerstört werden, um einen Machtwechsel in diesem Sonnensystem vorzubereiten. Die Operation ist Teil eines seit Monaten tobenden Krieges, mit dem das Imperium seine Einflusszone auszudehnen versucht. Die beiden verfeindeten Parteien haben am Abend jenes Januar-Tages fast 6.000 EVE-Raumpiloten (sie nennen sich selbst capsuleers) in 9-4RP2 zusammengezogen. Der Beginn einer großen Schlacht scheint im Spiel EVE Online unmittelbar bevor zu stehen.

Kriegsszenarien sind seit jeher ein Grundmotiv von Games. Allerdings werden von Spielern und Spielerinnen meist nur spezifische Fähigkeiten gefordert: die operative Geschicklichkeit eines Infanteristen in Shootern, taktische Kreativität in Echtzeitstrategiespielen, planerische Klugheit in rundenbasierten Strategiespielen. Das Weltraum-Game EVE Online vereinigt all diese Elemente und erfüllt so als wahrscheinlich einziges Spiel die Kriterien der Definition von Krieg, die einst der ungarische Friedensforscher István Kende für die sehr reale Welt formuliert hat: Die beteiligten Parteien verfügen über eine zentral gelenkte Organisation, bewaffnete Operationen geschehen relativ kontinuierlich, es ist auf allen Seiten eine planmäßige Strategie erkennbar. 

In den 15 Jahren, die EVE Online mittlerweile läuft, wurden dort Kriege mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Ziele geführt. Andrew Groen gibt in seinem Buch Empires of EVE: A History of the Great Wars of EVE Online einen Überblick der bewaffneten Konflikte und politischen Verwirrungen in den ersten Jahren dieser Spielwelt. Groen erzählt detailliert von opportunistischen, ökonomischen, rollenspielerischen, aber auch zutiefst philosophischen Kriegsgründen.

Taktische Interessen gehen vor

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe des Magazins "WASD", das sich in Essays mit Games beschäftigt. In dieser Ausgabe geht es um Computerspiele und Krieg. © WASD

Der Konflikt zwischen dem Goon-geführten Süden und der Northern Coalition ist allerdings nicht so ernst und dient lediglich dem Ausloten des je eigenen militärischen Handlungsspielraums. Denn Kriege in EVE haben derzeit – anders als in vergangenen Jahren − selten strategische Ziele, sondern dienen eher taktischen Interessen. Dies hat vor allem spielmechanische Gründe: "Seit 2017 ist es quasi unmöglich, jemanden aus seinem Space zu entfernen, sobald er sich eingegraben hat. Denn die Mechaniken, mit denen Zitadellen zerstört werden können, sind kompliziert und blöd", sagt Killah Bee, im Spiel allied commander der Northern Coalition, der auch die Verteidigung in 9-4RP2 befehligte.

In der Welt von EVE Online fehlt seit einiger Zeit auch einer der üblichsten Gründe für echte Kriege: Ressourcenknappheit. Da in EVE Schiffe, Waffen, Munition und Equipment durch die spielergesteuerten Industrien hergestellt werden müssen, ist das Abbauen, Raffinieren und Verteilen der dafür nötigen Ressourcen ein Kernelement des Spiels. "Aber es reicht, eine relativ kleine Ecke des Weltraums zu kontrollieren, um alles zu produzieren, was man als Allianz so braucht. Es gibt keinen Ressourcenmangel, der einen zu Eroberungen zwingt." Killah Bee blickt deshalb auch sehr gelassen auf den im Januar sich anbahnenden Konflikt: "Die Goons brauchen die Region nicht, um die gerade gekämpft wird. Wir brauchen die Region auch nicht. Beide Seiten wollen einfach nur wissen, wer seine Macht weiter projizieren kann."

Der zentrale Kriegsgrund ist jedoch meist nicht Machtprojektion oder Politik, sondern Spielspaß. Denn die allermeisten capsuleers lockt die Aussicht auf prächtige Weltraumgefechte zu EVE Online. Damit ist weniger die Jagd auf NPC-Piraten (Non-Player Characters, also vom Programm gesteuerte Spielfiguren) gemeint als vielmehr die Perspektive auf koordinierte Schlachten zwischen Spielerinnen und Spielern, in der Fachsprache Person versus Person (PvP) genannt. Content heißen bei EVE-Spielern diese spielergenerierten Vorgänge und Zusammenstöße, ob im Kleinen oder ganz Großen. Normalerweise bieten Computerspiele Content als Story oder vom Entwickler bereitgestellte Spielmodi. Aber da das Spiel gegen die programmierte Umgebung in EVE "todlangweilig" sei (Killah Bee), müssen die Spieler selbst dafür sorgen. Content ist deshalb Spiel- und Kriegsziel.