Hakenkreuze, SS-Runen oder der Hitlergruß waren in Computerspielen bislang verboten: Ein Game, das verfassungsfeindliche Symbole zeigte, konnte keine Altersfreigabe von der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) erhalten. In der vergangenen Woche hat der Verbund diese Regelung nun aufgehoben. Er begründet seine Entscheidung damit, dass in Videospielen auch Zeitgeschehen kritisch aufgearbeitet werden könne. ZEIT ONLINE hat mit der Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto, Professorin am Cologne Game Lab der Technischen Hochschule Köln, über die möglichen Folgen gesprochen.

ZEIT ONLINE: Frau Gotto, schon seit Jahren diskutiert die Games-Szene über verfassungsfeindliche Symbole in Computerspielen. Warum hat die USK solche Spiele bislang gar nicht erst beurteilt?

Lisa Gotto: Computerspiele sind noch vergleichsweise neue Medien. Und immer, wenn neue Darstellungsformen entstehen, entzündet sich eine Debatte darüber, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgehen sollte. Im Fall von Computerspielen gibt es zum Beispiel die Sorge, dass sie uns anders beeinflussen als Bücher oder Filme.

Lisa Gotto ist Professorin für Media and Game Studies an der TH Köln. © TH Köln

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Gotto: Ein Film ist linear, er ist für jeden Zuschauer gleich, wir nehmen ihn passiv wahr. Ein Computerspiel hingegen ist für jeden ein bisschen anders, es ist interaktiv: Die Spielerinnen und Spieler sind in das Geschehen involviert, sie können es steuern und mitgestalten. Manche Experten sagen, dass verfassungsfeindliche Symbole in einem solchen Umfeld gefährlich seien.

ZEIT ONLINE: Warum?

Gotto: Wer ständig von SS-Runen und Hakenkreuzen umgeben ist, könnte sie irgendwann nicht mehr als problematisch wahrnehmen. Der Gewöhnungseffekt ist ein Hauptargument, warum verfassungsfeindliche Symbole überhaupt verboten sind – weil sie zur Normalität werden könnten.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht eine berechtigte Sorge? Gerade Kinder und Jugendliche sind teils noch nicht in der Lage, zu reflektieren, was sie sehen.

Gotto: Das stimmt. Aber die Diskussion, ob man solche Symbole zeigen darf oder nicht, gab es früher auch bei anderen Medien. Der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer war zum Beispiel der Ansicht, dass Filme die Zuschauer hypnotisieren und unbewusst beeinflussen könnten. Wenn ein neues Medium von einer breiten Masse genutzt wird, entsteht eine Verunsicherung in der Gesellschaft, wie damit umzugehen ist. Gerade Kinder werden in der Debatte dann instrumentalisiert: Inhalte seien immer gefährlich für sie. Früher hat man gesagt, das Fernsehen mache sie dumm. Jetzt machen Computerspiele angeblich Verbrecher aus ihnen.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit dem Gewöhnungseffekt, den Sie erwähnt haben?

Gotto: Kinder werden nicht automatisch zu Nazis, wenn sie ein verfassungsfeindliches Symbol sehen. Es hängt vom Kontext ab, in dem ein Hakenkreuz oder eine SS-Rune auftaucht. Die USK wird auch künftig noch jedes Computerspiel einzeln daraufhin prüfen, ob es für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Auch in anderen Medien werden Nazisymbole ja nicht inflationär abgebildet, nur weil man sie theoretisch zeigen darf.