Es fühlt sich alles vertraut an. Die Wege durch den Dschungel, die Markierungen in der Landschaft, hier bitte hochklettern, da einen weiten Sprung wagen. Als Spieler oder Spielerin kennt man diese Elemente gut, aus anderen Games oder aus den Vorgängern dieses Spiels selbst, seit es im Jahr 2013 einen Neustart verpasst bekam. Das allererste Videospiel unter dem Namen Tomb Raider aber erschien bereits im Jahr 1996. Seither läuft und läuft und läuft sie: Lara Croft.

Solche sogenannten Franchises – Großerzählungen in Kino, Fernsehen, Literatur und eben auch Videospielen mit oft vielen Fortsetzungen und Spin-offs – werden zumeist so konzipiert, dass zu viele Neuigkeiten und Überraschungen im Laufe der Zeit nicht mehr auftauchen. Vertrautheit mit einer eigenständigen Welt und einem Helden oder seltener auch mal einer Heldin ist beim Franchise nicht nur ein Erfolgsfaktor. Es ist eine Vorbedingung, auf die man sich scheinbar weitgehend geeinigt hat, zwischen Machern und Konsumenten.

Shadow of the Tomb Raider also heißt der neue Teil aus der Abenteuerspielreihe um die Archäologin Lara Croft, einer in England geborenen Aristokratin, die verlassene Tempel und Gräber durchsucht und sich dabei in ungeahnte Abenteuer stürzt. Das neue Spiel beschließt die Trilogie um die Vorgeschichte Crofts, deren Erzählung vor fünf Jahren mit dem Reboot der Serie begann. Shadow of the Tomb Raider ist ein schönes, dramatisches, mitunter auch herausforderndes Game. Vor allem aber ist fast alles darin altbekannt.

Die Serie ist ja längst die vorherrschende Darreichungsform bei sich einmal als erfolgreich erwiesenen Erzählungen, und ihre Kennzeichen sind Wiederholung, Aktualisierung, Neuauflage, Ausdifferenzierung. Tomb Raider ist nun auch nur die aktuellste einiger Spielreihen, die allein bis Ende dieses Jahres noch Fortsetzungen bekommen, andere sind etwa Assassin's Creed, Battlefield, Pokémon, Call of Duty, Just Cause. Wenige Tage nach dem Erscheinungstermin führt Shadow of the Tomb Raider selbstverständlich die Spielecharts an, in Deutschland etwa wurde es binnen 72 Stunden mehr als 100.000 mal verkauft. Der Erfolg spricht fürs Weitererzählen.

Willkommen in der Videospiel-Reihenhaussiedlung

Der neue Teil von Tomb Raider ist so etwas wie der perfekt gepflegte Vorgarten in dieser Videospiel-Reihenhaussiedlung aus Franchises. Man sieht gleich, dass dort Arbeit hineingesteckt worden ist, dieser Garten schmeichelt dem Auge, er ist sehr hübsch, die Hecke ist gestutzt und ragt nicht auf den Gehweg. Beim Vorbeilaufen schaut man kurz rein, nickt anerkennend – und blickt bald schon auf den nächsten Vorgarten. Man sollte sich in dieser Siedlung bloß nicht nach Pionierarbeiten im Gartenbau umsehen, denn das Neue ist dort ja gar nicht gewollt.

Erscheint ein Spiel wie Shadow of the Tomb Raider, macht man sich als Spieler (wie als Kritiker) trotzdem auf die Suche danach. In diesem Fall sind zum Beispiel die Areale wieder etwas größer geworden. Lara Croft kann sich jetzt mit Schlamm beschmieren, um nicht von Gegnern gesehen zu werden. Und es gibt Unterwasserlevel. Dazu wird eine Geschichte von einem Dolch erzählt, der die Welt – für ein Videospiel schon arg typisch – an den Rand des Abgrundes bringt. Diese Geschichte existiert offenkundig nur deshalb, weil ein Videospiel nun mal eine braucht. Irgendeine Motivation muss die Protagonistin ja bekommen, um weiterzulaufen durch ihr nur leicht verändertes Universum.