Was immer sich möglicherweise noch über dieses Videospiel sagen lässt, zuerst das: Es ist eine monumentale Erzählung. Es erzählt vom Flimmern über der Steppe und von der roten Erde der Südstaaten, vom Lagerfeuer und von der glühenden Sonne. Es erzählt vom Revolver als Verkünder der letzten Wahrheit, von der Verrohung des Menschen, vom Tod und vom Universum, dem das alles relativ piepegal ist. Und es erzählt vom "Hüa, Ho, Brrr", dem Dreiklang aller Westernhelden, denn auf Pferden reitet man auch. Möglicherweise wird man auch erschossen. In Red Dead Redemption 2 (kurz RDR2), dem Superblockbuster der Firma Rockstar Games, gilt das Leben höchstens als eine immerzitternde Vorläufigkeit.

Dieses Spiel handelt vom Banditen Arthur Morgan, einem anstandslosen Anständigen, der plündernd, schießend und mordend durch Nordamerika reist. Morgan gehört zur Van-der-Linde-Bande, einer Gemeinschaft gesetzloser Frauen und Männer, angeführt von einem Kerl namens Dutch, einem Propheten mit Silberzunge, der allen die Aussicht auf Reichtum verspricht, so sie ihm nur treu bleiben. Das Jahr 1899: Der wilde Westen ist schon nicht mehr so wild, aber die Blutspur der Bande zieht sich durchs Land.   

RDR2, das muss man sagen, ist außergewöhnlich gewalttätig. Hat man einmal dieses Spiel betreten, weiß man früh: Charles Bronsons Mundharmonika verstummt hier lange nicht, und bis man den Abspann sehen wird, vergehen die Tage mit Schusswunden, wenn nicht sogar die Wochen. Und so lange muss man mit diesem Arthur Morgan vorliebnehmen und der beeindruckenden Topografie, die alle Besonderheiten Nordamerikas vereinen soll und durch die man sich forthin frei bewegt: von Raubzug zu Raubzug, ziemlich viel, ziemlich lange, und man ist dabei oft ziemlich einsam. Während eines dieser Ritte kann man sich übrigens fragen, weshalb das sogenannte Binge-Watching von Fernsehserien als rege Teilnahme am Kulturleben gilt, die vielleicht etwas aus dem Ruder gelaufen ist – das Versinken in Videospielen aber als Zeitvergeudung. 

Ein Spiel wie eine Great American Novel

Denn in den ausschweifenden Geschichten von RDR2 hat man nicht nur das Gefühl, in eine Great American Novel hineingeraten zu sein. Man steht auch mit rauchenden Colts vor der Anatomie des Westerngenres, dem das Spiel damit seine Reverenz erweist, mit Verweisen auf Iñárritus The Revenant genauso wie Jarmuschs Dead Man und die Reis-und-Bohnen-Romantik des Italowestern. Viele dieser Geister beschwor schon der erste Teil der Spielserie (2010), zu dem RDR2 ausführlich die Vorgeschichte erzählt.

Die Figur des Arthur Morgan erscheint uns darin als Revolverheld, der im Herzen lieber "Howdy, Partner" sagt als "Die Stadt ist zu klein für uns beide". Seinem Anführer Dutch ist er auf sonderbare Art ergeben wie Starbuck in Melvilles Moby Dick, der Ahab in die Finsternis folgt. Um diesen Weg zu beschreiten, muss man mit der Bande Missionen übernehmen, in denen die Hauptgeschichte des Spiels vorangetrieben wird, die sich weiter und weiter verzweigt. Die Bande verstrickt sich in stets wahnwitzigere Ideen, Zugüberfälle, Pferdediebstähle, gezinkte Pokerspiele, bisweilen enden sie in Himmelfahrtskommandos gegen eine Übermacht an Kopfgeldjägern. Nach dem letzten Raub kommt der wirklich letzte Raub, danach der allerallerletzte Raub. Es wird wieder Morgen, es wird wieder Abend, dann wölbt sich die Nacht. Sie ist düster wie Tinte.