Der zweite Teil nun macht rasch Schluss mit aller Leichtigkeit, er stößt die Spielerinnen und Spieler mitten hinein in ein hässliches, abweisendes Amerika. Sean und Daniel sind mexikanischer Abstammung, ihr alleinerziehender Vater ist ein Einwanderer, sie tragen den Zunamen Diaz. Das ist einem zuerst überhaupt nicht klar gewesen, als es noch um Partys, Liebschaften und den Schulalltag ging. Doch dann wird alle Unbeschwertheit im Leben der beiden Brüder jäh zerstört. Durch Polizeigewalt, ein Cop erschießt den Vater aus einem nichtigen Anlass.

Weil es auch diesmal eine übernatürliche Fähigkeit zu geben scheint in diesem Spiel und die Wut des kleinen Jungen eine Art Druckwelle erzeugt, stirbt auch der Polizist. Kurz darauf findet man sich als Spieler daher auf der Flucht der beiden Jungs wieder. Man steuert den großen Bruder und führt den kleinen durch den Wald, über Landstraßen, nach Süden. Getragen von einer Hoffnung, die wohl einfach zur amerikanischen Popkultur gehört, frei nach dem Jimi-Hendrix-Song Hey Joe: runter nach Mexiko, "way down to Mexico"!

Ein Fachmagazin schrieb bereits begeistert, dies sei ein "Spiel über Trumps Amerika". Das ist insofern erstaunlich, da Gegenwartsbezüge unter Gamern sonst regelrecht verpönt sind. Man konnte zuletzt zwar auch Resident Evil Biohazard schon unter den Vorzeichen der Trump-Ära betrachten, dort war man als Gamer bei weißen Brutalos irgendwo im mittleren Westen gefangen. Da schienen Guantanamo und die Manson Family in eins zu fallen, das Übelste, was Amerika zu bieten hat. Resident Evil Biohazard wurde jedoch bereits konzipiert, als Barack Obama noch Präsident war. Wenn überhaupt, hatten die Entwickler eine düstere Vorahnung.

Wie es ist, wenn dir niemand hilft

Life is Strange 2 nun setzt sich explizit mit der aktuellen Atmosphäre in Teilen der USA auseinander, mit latenter Feindseligkeit gegenüber Fremden. Wenn der Spieler unterwegs Hilfe sucht, etwas Essen erbetteln will, Unterschlupf sucht, ist es fast unmöglich, Unterstützung zu bekommen. Wie in einem Adventure-Spiel wählt man immer wieder unter verschiedenen Optionen aus, was man als Nächstes sagen möchte, aber die meisten Rednecks reagieren darauf stur.

Oder werden gleich ernsthaft gewalttätig. "Für Abschaum wie dich bauen wir die Mauer", sagt einmal ein bärtiger Kerl. Dann tritt er Sean gegen den Kopf, den er zuvor an eine Heizung gekettet hatte. "Alles ist politisch, Sean", sagt später ein Reiseblogger, der die beiden Brüder im Auto mitnimmt. Er ist der Einzige, der ihnen hilft.

Dieses Spiel macht gar keinen Hehl daraus, dass es ein Statement zur Gegenwart Amerikas sein will. Und das funktioniert nur deshalb so gut, weil das Spiel auch sonst großartig ist. Allein die Szenen vor den verhängnisvollen Schüssen – die Brüder helfen dem Vater beim Schrauben an einem Auto, reden über die nächste Zukunft – sind voller menschlicher Wärme. Männer müssen keine großspurigen Machos sein, das lernt man hier. Das mag ja allgemein bekannt sein, hatte sich aber unter Videospiel-Designern nie ganz herumgesprochen.

Life is Strange 2 ist natürlich nicht so rasant wie die immer nächste Fortsetzung von Call of Duty. Und das Sonnenlicht bricht sich hier auch nicht so täuschend echt im Laub wie in der neuen Folge von Tomb Raider. Dafür zeigt dieses Spiel, was in Games alles erzählt werden kann, wenn die Entwickler ihre ganze Fantasie nicht nur zur Herstellung weiterer Fantasien einsetzen. Dabei können sogar Geschichten herauskommen, die einen als Spielerin oder Spieler bedrückt zurücklassen. Das allein schon ist strange an diesem Spiel. Und sehr gut.

Die erste Episode von "Life is Strange 2" (Dontnod/Square Enix) ist für PC, Xbox One und PS4 erhältlich.