Gerade ging es noch darum, Bier für die nächste Party zu besorgen, und vielleicht auch noch ein bisschen Gras. Es ging darum, ob man als Heranwachsender seinem Vater gegenüber immer offen und ehrlich wäre oder lieber doch nicht – denn Sean, die Figur, die man als Spielerin oder Spieler in diesem Game hier steuert, ist 16 Jahre alt. Und was ihn am meisten beschäftigt, das ist die Frage, wie er seinem Schwarm Jenn näherkommen könnte. Ein Teenagerleben in der Kleinstadt eben.

Dann fallen plötzlich Schüsse. Die Idylle in einem eigentlich beschaulichen Vorort von Seattle fällt in sich zusammen.

Wer ein Herz hat, wird nach etwa einer halben Stunde Spielens an der Konsole oder dem PC zum ersten Mal mit den Tränen kämpfen. Life is Strange 2 ist nur für die ganz harten Spielerinnen und Spieler geeignet, nämlich für diejenigen, die zur Empathie fähig sind gegenüber einer fiktionalen Figur in einem Videospiel. Üblicherweise wird man da ja eher für kaltblütiges Handeln belohnt.

Es ist großartig, wie der zweite Teil des Ursprungsspiels Life is Strange auf ganz andere Emotionen abzielt als die im Medium Game gewohnten. Das war bereits das Besondere am ersten Teil dieses so erstaunlichen Spiels. Der erschien 2015, produziert wurde es vom Pariser Studio Dontnod, einem Independent-Entwickler, der zuvor mit einer drohenden Insolvenz gekämpft hatte. Doch Life is Strange verkaufte sich dann mehr als drei Millionen Mal, die Franzosen hatten offenkundig etwas erkannt: Neben den gigantischen, oft nicht sehr einfallsreichen Blockbuster-Games gibt es einen Platz für kleinere Indie-Spiele, deren Grafik und Steuerung zwar nicht immer auf der Höhe der Zeit sind, die dafür aber klüger und komplexer erzählt sind.

Von der Mädchen- zur Jungenperspektive

Der erste Teil handelte von zwei 18-jährigen Mädchen, Maxine und ihrer Freundin Chloe. Eine Fotoausbildung beginnt, ein Bekannter ist zum aggressiven Dealer geworden, ein Mädchen aus der Schule mobbt andere. Auch da war also der Topos schon: Teenagerleben in der Kleinstadt, in dem Fall in einem fiktiven Örtchen namens Arcadia Bay in Oregon.

Dass Max über übernatürliche Fähigkeiten verfügte – sie konnte unter anderem die Zeit in gewissen Grenzen manipulieren –, spielte eine Rolle, aber keine zentrale. Vor allem war das Spiel ziemlich realistisch darin, das Erwachsenwerden zweier Mädchen zu schildern, samt aller Selbstzweifel, Hoffnungen und kleinen Glücksmomente.

Life is Strange 2 erscheint, genau wie der Vorgänger, in fünf Episoden, die erste ist jetzt verfügbar. Eigentlich ist das Spiel also eine Miniserie. In der Debütfolge namens Roads liegen Sean und sein neunjähriger Bruder Daniel mal auf einem kleinen Felsvorsprung, schauen in den Himmel, suchen Formen in den Wolken. Die Sonne scheint sehr warm über den Wäldern des US-Bundestaates Washington. Eine ganz ähnliche Szene gab es auch im ersten Teil bereits, Max und Chloe blickten da von der Kühlerhaube eines Autos aus in die Wolken.

Damit hören die Parallelen aber auch schon auf. Der erste Teil des Spiels war noch von einer gewissen Leichtigkeit getragen, obwohl es darin letztlich um einen Mord ging. Das Spiel erinnerte an den schönen Rob-Reiner-Film Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers, neu erzählt für Mädchen des Instagram-Zeitalters.