Berlin Alexanderplatz, Februar 1933. Aus der Ferne sind drei Männer in Uniformen zu erkennen, die einen älteren Herrn umrunden. "Dreckiger Jude", rufen die Uniformierten und stoßen den Alten zu Boden. Die Männer gehören zur Sturmabteilung der NSDAP. Einer von ihnen hebt den Arm zum Hitlergruß.

Wäre die Szene Teil einer Malerei, aus einem Film oder einer Fernsehserie: Es wäre selbstverständlich, sie zu zeigen. Sie stammt aber aus einem Computerspiel. Und weil sie die antisemitische Taten, die kurz nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler passiert sind, mit leuchtend roter Armbinde samt Hakenkreuz darstellt, hätte das Spiel Through the Darkest of Times mit dieser Szene in Deutschland eigentlich so nicht freigegeben werden dürfen.

Denn so sieht es das Gesetz vor: Verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze sind verboten. Während bei anderen Medien die sogenannte Sozialadäquanzklausel angewandt wird, um doch Hakenkreuze zeigen zu können, passierte das bei Spielen bisher nicht (siehe Infobox). Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), die in Deutschland jedes Spiel vor seiner Veröffentlichung prüft, ist dieser Vorgabe lange Zeit gefolgt. Ende August änderte die USK ihre Richtlinien, nutzte die Sozialadäquanzklausel und gab der Demoversion des Spiels ihr Siegel: Freigegeben ab 12 Jahren.

Through the Darkest of Times ist damit das erste deutsche Spiel, das trotz Hakenkreuzen in Deutschland zugelassen wurde. Und die Debatte ist entsprechend groß: Ist die Darstellung tatsächlich nötig?

Gemeinsam gegen die Nazis

Das Spiel hat eine gezeichnete Grafik. Mit markanten Gesichtern, großen Augen und klaren Linien erinnert es an den Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts. Es ist ein Strategiespiel, die Spielerin übernimmt eine Widerstandsgruppe im Dritten Reich. Ziel ist, es durch die "dunkelste aller Zeiten" Deutschlands zu schaffen. Auf einer Strategiekarte plant der Spieler Aktionen gegen die Nazis, sammelt Verbündete und versucht in erster Linie nicht aufzufliegen. Nach jeder Runde vergeht eine Woche, 24 Wochen bilden ein Kapitel, von denen es vier im Spiel gibt. Insgesamt zwei Stunden Spielzeit sind das etwa, gelänge es, alles am Stück durchzuspielen. Das aber ist gar nicht so einfach, denn ständig ist die Widerstandsgruppe in Gefahr aufzufliegen oder sich aufzulösen. Speichern lässt sich das Spiel wie für das Rogue-like-Genre typisch nicht, das Scheitern gehört dazu: Dann endet die Geschichte dieser Gruppe und die Spielerin kann das Spiel mit neuer Besetzung von vorn beginnen.

Es gibt bestimmte Werte, die man verteidigen muss, unabhängig davon, wo man sich politisch ansiedelt.
Jörg Friedrich, Paintbucket Games

Im Dritten Reich gab es mehrere Personen und Gruppen, die sich dem NS-Regime widersetzt haben; unter ihnen bekannte Gemeinschaften wie die Weiße Rose um Hans und Sophie Scholl. "Die Geschwister Scholl habe ich in der Schule gehabt. Aber das wars dann auch", sagt Jörg Friedrich, Gründer und Gamedesigner bei Paintbucket Games, dem Zwei-Mann-Studio hinter dem Spiel. Kleinere, zivile Widerstandsgruppen aus der Zeit sind deutlich unbekannter: "Über ein Buch bin ich auf das Thema gekommen. Da gab es viele Veröffentlichungen in den letzten zehn Jahren." Inzwischen seien zahlreiche Vereinigungen bekannt, "oft Freundeskreise, die sehr heterogen waren". Diese Idee übertrug Friedrich ins Spiel: Den Gruppenanführer erstellt der Spieler selbst, weitere Mitglieder kommen nach und nach dazu. Die haben sowohl einen Beruf als auch eine politische Einstellung. So können Kommunisten, Liberale oder Katholisch-Konservative alle Teil einer Gruppe sein. Gemeinsam gegen die Nazis.

Ein Spiel gegen den Rechtsruck

"Die Grundaussage ist: Es gibt bestimmte Werte, die man verteidigen muss, unabhängig davon, wo man sich politisch ansiedelt", sagt Friedrich. So eine politische Botschaft ist nicht gerade typisch für die Spieleindustrie, in der zumindest die großen Firmen möglichst niemanden verprellen wollen. Aber Friedrich sowie Mitgründer und Art­di­rec­tor Sebastian Schulz haben ein klares Anliegen: "Anfang 2017 dachten wir: Das darf alles nicht wahr sein. Die Trump-Wahl, der Höhenflug der AfD in Deutschland und der Front National in Frankreich. Da haben wir überlegt: Was können wir eigentlich machen?"

Ein Spiel gegen den Rechtsruck, auch das soll Through the Darkest of Times sein. Schaue man genau hin, ließen sich Parallelen zwischen heute und den Dreißigerjahren leicht finden, sagt Friedrich: "Noch nach der Machtübernahme, im Februar 1933, demonstrierten zum Beispiel 200.000 Menschen in Berlin. Und dachten: Die Nazis können uns nichts. Sozusagen: Wir sind mehr." Wohl auch, weil das Spiel den Fokus auf normale Bürger im Nationalsozialismus statt auf die Nazis selbst lenkt, bekamen die Entwickler eine Förderung des Medienboards Berlin-Brandenburg von 70.000 Euro.