Jetzt lästern sie alle – Rezensenten, Bloggerinnen, Youtuber. Denn mit The Quiet Man ist gerade ein Spiel erschienen, das als Katastrophe gilt, als Flop des Jahres, mindestens. "Schmerzhaft, das zu spielen", schreibt jemand auf der Plattform Steam. Der britische Videoblogger Jim Sterling sagt: "Dies ist ein Actionspiel – glaube ich –, gespickt mit Filmszenen – glaube ich", und lacht danach viel. Eine der wichtigsten Spielezeitschriften weltweit, PC Gamer, nennt es ein "spektakuläres Desaster".

Dabei hätte alles so schön sein können. Denn The Quiet Man ist eines der interessantesten Spiele des Jahres. Bei der Videospielemesse E3 zählte es im Sommer 2018 in Los Angeles zu den großen Hinguckern. Das Spiel will Game und Film verbinden, Interaktion und Kinoästhetik vereinen, so versprach es zumindest die Präsentation. Allein die reinen Filmsequenzen – gedreht mit Schauspielerinnen und Schauspielern – sind rund zweieinhalb Stunden lang. Ein echtes Videospiel, das durch die Aufmachung auch Menschen erreichen könnte, denen die Bedienung eines Controllers bisher zu kompliziert erschien.

Auch in die Geschichte wurde ein besonderes Element eingebaut, das mit der Wahrnehmung der Zockerin spielt. Ganz am Anfang schon: New York ist still. Busse und Yellow Cabs fahren über die Second Avenue, Passanten huschen über die Straßen, die U-Bahn rattert über eine Brücke. Doch hört man kein Rattern. Und auch sonst fast nichts. Man spielt Dane, einen geheimnisvollen, jungen Schönling mit Biker-Lederjacke, grauem Hoodie und fantastischen Fähigkeiten im Straßenkampf. Und läuft man durch die Straßen, unter den Lichtern der Stadt oder in eine Back Alley, sind nur dumpf die Schritte dieser zentralen Figur wahrnehmbar. Denn Dane ist gehörlos. Und der Spieler ist es nun auch. The Quiet Man ist ein stilles Spiel.

Rachefantasie im Gangstermilieu

Natürlich kann man diese ungewöhnliche Entscheidung gegen jeglichen Ton für verrückt halten. Zumindest scheinen das viele zu tun, die nun Kritik äußern. Aber das ist ungerecht, schließlich macht die Stille das Spiel erst gewagt und wirklich aufregend. Große Publisher wie der japanische Hersteller Square Enix fabrizieren normalerweise ja lieber immer neue Teile rund um die fiktive Archäologin Lara Croft oder der Rollenspielserie Final Fantasy, da muss man solch seltene Risiken honorieren, ja: feiern.

Und zunächst scheint das Experiment auch zu funktionieren. Der Spieler befindet sich offenbar in einer Rachefantasie im Gangstermilieu. Rückblicke, die plötzlich eingespielt werden und teilweise die Spielszenen überlagern, zeigen den Protagonisten als Kind. Seine Mutter ist gerade erschossen worden, auf der Straße. Der verzweifelte Junge sieht den Täter – den gleichen Gangsterboss, in dessen Geschäft er sich nun als Erwachsener einmischen wird.

Doch von diesem Anfang aus verwirrt die Geschichte immer mehr. Dane ist offenbar verliebt in die Jazzsängerin eines zwielichtigen Clubs. Die aber scheint einen anderen Partner zu haben, für den Dane gleichzeitig arbeitet. Einen Freund, vielleicht sogar einen Mentor. Die Sängerin gleicht wiederum der Mutter, die in der Kindheitserinnerung auf der Straße stirbt. Sie hat dasselbe Gesicht, es ist dieselbe Schauspielerin. Mit jeder Szene wird alles weniger nachvollziehbar. Die Gespräche, stumm und aus unlesbaren Lippenbewegungen bestehend, erhellen natürlich nichts.