Read this article in English.

Der 6. Januar 1988 war einer dieser Mittwoche, an denen viel los war in dem alten Barockgebäude in der Klosterstraße in Ostberlin, das damals den Namen Haus der jungen Talente (HdjT) trug und heute wieder Palais Podewils heißt, nach seinem einstigen Besitzer, dem Außenminister Friedrichs des Großen. 70 bis 80 Leute drängten sich an jenem Wintertag in den Raum im ersten Stock, in dem sonst der Omnibus-Chor probte. Immer mittwochs trafen sich dort die Mitglieder des Computerklubs. Es waren vor allem junge Leute, die meisten um die 20 Jahre alt, manche auch erst 16.

Zwar gab es in den Achtzigerjahren in der ganzen Deutschen Demokratischen Republik solche Clubs (die meist mit "k" geschrieben wurden), allein rund 20 in Ostberlin. Doch zu den Treffen im HdjT kamen auch Menschen von weit her angereist. Denn obwohl es das zentrale Clubhaus des sozialistischen Jugendverbandes FDJ war, standen auf den Tischen keine in der DDR produzierten Computer. Sondern welche aus dem Westen.

Der Computerklub im HdjT in den Achtzigerjahren, eine reine Jungs- und Männergesellschaft. In der Mitte vorm Rechner: Stefan Paubel © Stefan Paubel

An diesem Januartag etwa waren dort ein C128 und zwei C64 des US-Herstellers Commodore nebst Diskettenlaufwerk aufgebaut. Die DDR-Computer der Baureihen KC 85 des Volkseigenen Betriebs (VEB) Mikroelektronik "Wilhelm Pieck" Mühlhausen und KC 87 des VEB Robotron hätte Stefan Paubel, der den Computerklub im HdjT im Januar 1986 gegründet hatte und dann leitete, auch gar nicht akzeptiert. "Der KC 85 war ja nun wirklich nicht so toll, daher habe ich bei der Leitung des HdjT angefragt, ob wir nicht Westtechnik verwenden können", sagt Paubel heute. "Kurioserweise hat der Direktor sofort zugesagt, und ich habe zwei C64 und ein Diskettenlaufwerk in einem Köpenicker An- und Verkauf besorgt." 25.000 Ostmark durfte Paubel insgesamt ausgeben für die Ausstattung, 6.500 Ostmark bezahlte er pro C64.

Das Commodore-Modell war der damals weltweit meistverkaufte Heimcomputer. Doch wäre es nach dem Westen gegangen, hätten die Rechner gar nicht ihren Weg in die DDR finden dürfen. Denn Mikroelektronik stand auf der 1988 noch geltenden Embargoliste des Coordinating Committee on Multilateral Export Controls (Cocom): Die westlichen Staaten hatten sich dazu verpflichtet, keine Technologiegüter in die sozialistischen Länder des Ostblocks zu liefern. Die C64 gelangten jedoch am Embargo vorbei in die DDR, und deren Zoll ließ das geschehen. Westliche Hardware durfte gern eingeführt werden. Im Fall von Software und insbesondere von Computerspielen war das anders. Deren Inhalte beschäftigten die Staatsorgane der DDR sehr.

Grafikprogramme hingegen nicht so, und für die interessierte sich Stefan Paubel vor allem. Er hatte Maschinenbau studiert, Mitte der Achtzigerjahre seine Begeisterung für Computer entdeckt und deshalb den Club gegründet. Bei den Treffen im HdjT hielt er Vorträge, eben über Grafiksoftware und Programmiersprachen. Im Jahr 1988 war Paubel im Vergleich zu den meist jugendlichen Besuchern, die sich eher für C64-Games begeisterten, schon relativ alt mit seinen 34 Jahren.

"Um 16.45 Uhr betrat der A. den Raum des Computerklubs": Ausriss aus einem der IM-Berichte zum HdjT

Einer, der am 6. Januar 1988 im Club war, hielt Paubel indes für jünger, für "circa 25 bis 30 Jahre, Bart, Nickelbrille". So ist Paubel beschrieben in einer auf den 12. Januar 1988 datierten Operativen Information des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des DDR-Geheimdienstes: Das MfS hatte einen Inoffiziellen Mitarbeiter, kurz IM, ins HdjT geschickt, damit der sich dort umschaute und unter die Leute mischte. Der IM war selbst ein junger Mann und nominell Kader des Wachregiments der Nationalen Volksarmee. Das konnte bedeuten, dass er tatsächlich Soldat war. Kader war in der DDR aber auch der Begriff für einen Kandidaten auf einen Posten. Für den könnte sich der junge Mann, der offenbar selbst noch Schüler war, mit seinem Einsatz im Haus der jungen Talente interessant gemacht haben. Die Beobachtungen jedenfalls, die er dort in seiner Rolle als IM gemacht hatte, schilderte er danach einem MfS-Offizier, der sie wiederum in der Operativen Information zusammenfasste.

Das Dokument gehört zu einem rund 600-seitigen Konvolut von Stasiunterlagen zum Thema Computerspiele und Jugendszene der Gamer in der DDR – kurz vor deren Ende. Sie erlauben weitreichende Einblicke darin, wie staatliche Stellen Computerspiele und Computerbegeisterte betrachteten, und in das damals heraufziehende digitale Zeitalter. ZEIT ONLINE hat diese Akten aus dem Bestand des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) drei Jahrzehnte nach ihrem Entstehen erstmals ausgewertet. Wir haben neben Paubel auch mit einstigen Besuchern des Hauses der jungen Talente gesprochen, die erstmals im vergangenen Jahr dem Spielemagazin Game Star von ihren Erinnerungen berichtet hatten.

Dank der Operativen Information lässt sich heute die Zahl der bei jenem Treffen im Januar 1988 Anwesenden ("70 bis 80 Personen") sowie deren geschätzter Altersdurchschnitt ("22 bis 23") nachzeichnen. Der IM berichtete zudem, er sei von den anderen jungen Leuten "normal, aber nicht misstrauisch aufgenommen" worden und habe in Gesprächen festgestellt, dass "mehrere Teilnehmer über den Computer Commodore 64 verfügen und dieser Besitz als Grundlage zur Mitgliedschaft im Computerklub betrachtet wird". 

Der IM hatte sich auch die Technikausstattung des Clubs mit den Commodore-Rechnern gemerkt und diese Information weitergegeben; in den ZEIT ONLINE vorliegenden Unterlagen gibt es darüber hinaus noch eine genauere Inventarliste, die offenkundig von einer anderen Quelle stammt. Sogar Kopien der Rechnungsbelege des An- und Verkaufs in Köpenick, bei dem Stefan Paubel die beiden C64 und das Diskettenlaufwerk gekauft hatte, sind erhalten. "Vermutlich haben die sich die Unterlagen von der HdjT-Leitung besorgt", sagt Paubel.

Dass staatliche Organe der DDR die Aktivitäten des Computerklubs misstrauisch beäugten, war Paubel schon vor 30 Jahren klar. Er wusste nur nicht, was genau die Stasi wusste. Und wer sie wie mit Informationen belieferte.

Einmal wurde Paubel vom Direktor des HdjT in dessen Büro bestellt, ein Paubel unbekannter Mann saß dort bereits und forderte ihn auf, eine Namensliste der Clubmitglieder anzufertigen. Für welche staatliche Stelle der Mann arbeitete, sagte er nicht. Paubel überlegte kurz – und weigerte sich dann. Eine echte Mitgliedschaft gab es ohnehin nicht, der Club war offen für alle Interessierten, viele Leute kamen unregelmäßig, es waren fast ausschließlich Jungen und Männer. Paubels Weigerung, Namen von Besuchern zu nennen, hatte keinerlei Konsequenzen, er hörte von dem Mann und seinem Anliegen nie wieder. Die Stasi, stellt sich heute heraus, kannte ohnehin einige der Clubbesucher, eine Liste mit Namen und Kontaktdaten findet sich in den Akten des MfS.

Sie nennen sich "freaks"

Bei deren Auswertung wird deutlich: Das MfS hat die in den Achtzigerjahren in der DDR entstandenen Computerclubs von Anfang an beobachtet, den im Haus der jungen Talente seit dessen Gründung 1986. In einem weiteren Stasidokument, datiert auf den 15. März 1985 und stammend aus der MfS-Bezirksverwaltung Leipzig, wird bereits zuvor über einen anderen clubähnlichen Zusammenschluss in Ostberlin berichtet, "80 Computerinteressierte" hätten sich zusammengetan und Treffen auch in Dresden geplant. Die "in dieser Verbindung einbezogenen Personen nennen sich 'freaks'", heißt es in dem Dokument.

Heimcomputer wie der C64 waren damals noch eine recht neue Geräteklasse: Zum ersten Mal gab es Computer in Privathaushalten, und zumindest in Ostberlin (weit mehr als im Rest der DDR) fand der C64 ab Mitte der Achtzigerjahre eine größere Verbreitung. Das MfS überwachte damals die Datensicherheit in den staatlichen Stellen und den Betrieben in der DDR, zuständig war die sogenannte Zentrale Arbeitsgruppe Geheimnisschutz (ZAGG), die auch als Verbindungsorganisation zwischen den MfS-Dienststellen fungierte. In zahlreichen dieser Dienststellen wurden die entstehenden Computerclubs sowie einzelne Mitglieder erfasst: Der sozialistische Staat, dessen Führung die Mikroelektronik im Jahr 1977 per Beschluss des Zentralkomitees der SED zur Schlüsselindustrie erklärt hatte, wollte wissen, was die Leute mit ihren Computern anstellten.

In der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Berlin fertigte der Leiter der dortigen Arbeitsgruppe Geheimnisschutz (AGG), die die Entsprechung der ZAGG auf Bezirksebene war, am 28. November 1988 ein Zwischenfazit seiner Erkenntnisse bei der Nutzung dezentraler Rechentechnik im Freizeitbereich an. Das vierseitige, technologisch erstaunlich kenntnisreiche Papier liest sich heute wie ein Ausblick auf das damals entstehende Informationszeitalter. Mit dessen Auswirkungen wurden die staatlichen Organe der DDR allerdings nicht mehr konfrontiert: Ein Jahr später fiel die Mauer, zwei Jahre später gab es die DDR nicht mehr.

Das konnte der Leiter der AGG in der Berliner Stasidependance Ende 1988 nicht ahnen. In seinem Bericht zählte der Oberstleutnant zunächst die dem MfS bekannten "Interessengemeinschaften" von privaten Computernutzern in der DDR auf, neben der im HdjT etwa den C16-Club Dresden, den Commodore Club Jena und die Atari Interessengemeinschaft Rostock. Diese beschäftigten sich in der Regel "mit Software-Tausch sowie den verschiedensten Hardware-Erweiterungsmöglichkeiten".

Verfestigte negative Haltung

Der Stasimann warnte seine Kollegen und Kolleginnen in anderen Dienststellen: "Da sich innerhalb der Interessengemeinschaften oder Computerclubs auch Mitglieder befinden, die nachweislich eine verfestigte negative Haltung zur sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung haben, besteht die potenzielle Gefahr der negativen Ausrichtung der Interessengemeinschaften oder Computerclubs. Exponenten des politischen Untergrundes nutzen zunehmend Computer, deren Einfuhr und Beschaffung zum Beispiel über kirchliche Kreise erfolgt." Auch betrieben "einige Besitzer von privater Computertechnik (...) einen ausgedehnten Handel mit Hard- und Software. Bei der Software handelt es sich in vielen Fällen um Kopien aus dem NSW (Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet, also aus dem Westen, d. Red.), die so in der DDR verbreitet werden". Aus dem Westen importierte Disketten könnten, so die Befürchtung, in Rechnern in den VEBs landen; sollten darauf Viren sein, könnten sie auf den Betriebscomputern Schaden anrichten. Der Stasimann beschreibt damit ein damals noch kaum bekanntes Phänomen.

Er sprach auch eine Reihe von Empfehlungen zur "vorbeugenden Abwehrarbeit" aus. Etwa das "Aufklären der begünstigenden Bedingungen zur Unterwanderung der bestehenden Interessengemeinschaften und Computerclubs durch den Gegner", das "Erkennen von feindlich-negativen Handlungen durch Einzelpersonen in Verbindung mit der Nutzung der privaten Rechentechnik" und das "Aufklären von Personen, die einen spekulativen Handel mit Hard- und Software betreiben, vorrangig mit verbotener Software mit revanchistischen oder antikommunistischen beziehungsweise mit antisemitischen Inhalt (sic)".

"Das hätte richtig Ärger geben können"

Und er schilderte ein sich ankündigendes neues Problem: "In letzter Zeit hat sich der Trend verstärkt, in den Besitz von Akustikkoppler (sic) zu gelangen oder sich dazu Literatur zu beschaffen. Mittels dieser Technik ist ein unkontrollierter Datentransfer in das NSW über den Selbstwählverkehr der Deutschen Post möglich. Es lassen sich in kurzer Zeit relativ umfangreiche Daten übertragen. Innerhalb der DDR konnte bereits der private Einsatz derartiger Technik nachgewiesen werden." 

Der moderne Datenverkehr über Netze, letztlich die Vorstufe des Internets, war 1988 auch in der DDR angekommen. Software würde in Zukunft keiner physischen Datenträger mehr bedürfen, um weitergegeben zu werden. Damit würde man sie auch an keiner Grenzkontrolle mehr herausfischen können.

Viele DDR-Bürger, zumal Jugendliche, besaßen jedoch keinen Zugang zu einem Telefonanschluss, geschweige denn zu einem Akustikkoppler, auf den man den Telefonhörer legen konnte und über den dann Code mittels akustischer Signale übertragen wurde. Und so waren die Computerclubs für sie tatsächlich Software-Tauschbörsen, ganz wie es der Leiter der AGG beschrieb und unabhängig davon der IM, der im Haus der jungen Talente herumgeschnüffelt hatte. 

"Wir haben dort Spiele getauscht, bis die Kassetten geglüht haben", sagt Timo Ullmann heute, der 1988 erst 16 Jahre alt war. Ullmann hatte einen eigenen C64 zu Hause, mit dem er regelmäßig den Fernseher der Eltern blockierte, denn den Commodore konnte man im Gegensatz zu vielen anderen Rechnern auch an TV-Geräte anschließen – man brauchte keinen extra Monitor. Ullmanns Vater, der im Außenhandel arbeitete, hatte den Rechner mit Westmark gekauft. "Daraufhin habe ich erst mal ein Jahr so ziemlich jedes Spiel durchgezockt, was mir in die Finger kam, darunter C64-Klassiker wie Defender of the Crown oder The Last Ninja", sagt Ullmann. "Mein Vater dachte damals schon, dass er einen riesigen Fehler gemacht hat mit dem Kauf des C64." Was Ullmann jedoch lange fehlte, war der Kontakt zu Gleichgesinnten. Dann sah er zufällig an einer Litfaßsäule ein offizielles FDJ-Plakat, das für den Computerklub im HdjT warb. 

Legales Raubkopieren

Tauschgeschäfte in solchen Clubs waren für viele Gamer auch deshalb die einzige Möglichkeit, an Computerspiele aus dem Westen heranzukommen, weil es sie in der DDR nicht frei zu kaufen gab – außer in Intershops gegen D-Mark. Und da ein Zehnerpack Leerdisketten bis zu 600 Ostmark kostete, wichen gerade jugendliche Computernutzer auf die günstigeren, wenn auch technisch anfälligeren Kassetten als Datenträger aus.

Kurioserweise verstießen die Jugendlichen beim Spielekopieren nicht mal gegen DDR-Recht, denn darin war Software nicht urheberrechtlich geschützt. Die habe "weder als wissenschaftliches Werk noch als gestalterische Leistung" zu gelten, hatte das Leipziger Bezirksgericht in einer Grundsatzentscheidung im September 1979 geurteilt.

Weil im Haus der jungen Talente wild kopiert wurde, hatte die Stasi mutmaßlich viele Angriffspunkte, um zu erfahren, welche Titel dort kursierten. In den Unterlagen, die ZEIT ONLINE vorliegen, befindet sich eine Liste aller Spiele, die nach Wissen der Stasi im Juli 1987 im Computerklub im HdjT zugänglich waren. Stefan Paubel sagt, nicht mal er selbst habe gewusst, was da alles im Umlauf gewesen sei.

Auf fünf Seiten sind insgesamt 261 Games für den C64 aufgelistet, deren meist englische Titel allesamt ins Deutsche übersetzt wurden. Aus Samantha Fox Strip Poker – einem Kartenspiel, bei dem man die damals einigermaßen berühmte britische Popsängerin auszog, die auch als Seite-drei-Model gearbeitet hatte – wurde so etwa Samantha Fuchs Entkleidungspoker. Bei manchen Spielen auf der Liste fällt es heute schwer, den Originaltitel zu erahnen, so absurd klingen sie: Miefig!, Aufgeblähte Drossel und Schlüpfrig rutschig.  

Frogger

Auch eines der populärsten C64-Spiele hat die Stasi im Haus der jungen Talente gefunden, ein völlig harmloses: "Frogger". Bei der Stasi hieß es "Frosch".

© Sega / c64-longplays.de

Nicht nur der Inhalt, auch die Herkunft des Dokuments ist bemerkenswert: Der stellvertretende Leiter der Abteilung XV (Aufklärung Wehrtechnik und Maschinenbau) der für Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung A des MfS hatte es an die Kollegen der Berliner Bezirksverwaltung für Staatssicherheit geschickt, offenkundig auf deren Gesuch hin. In seinem Anschreiben vom 2. September 1987 bezog sich der Mann von der Auslandsspionage auf eine nicht weiter bezeichnete "Quelle". 

Wer die gewesen sein könnte, lässt sich aus den ZEIT ONLINE vorliegenden Dokumenten nicht nachvollziehen. Nur so viel lässt sich sagen: Sprach die Hauptverwaltung A von "Quellen", meinte sie damit in der Regel Inoffizielle Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter im Operationsgebiet, also im Ausland. Dies konnte eine sogenannte A-Quelle sein, jemand der Kontakt zu jemandem hatte, der in einem Objekt oder an einem Thema arbeitete. Oder es konnte eine sogenannte O-Quelle sein: jemand, der selbst in einem Objekt arbeitete oder der das war, was man tatsächlich einen Agenten nennen würde, der für das MfS spionierte.

Angriff auf Moskau

23 Spiele sind auf der Liste mit dem Wort "Index" markiert, weil sie "in besonderem Maße militärischen und inhumanen Charakter tragen", wie es in dem Papier heißt. Was die Stasi da so auf ihren hauseigenen Index geschrieben hatte, war interessanterweise fast deckungsgleich mit den Indizierungen der damaligen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in der BRD (heute heißt sie Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien). Hauptsächlich Shoot 'em ups sind dabei: Commando, Blue Max – in der Stasiliste Der Blaue Max genannt – sowie Rambo und das einst einigermaßen berüchtigte Raid over Moscow, das bei der Stasi Angriff auf Moskau hieß (und das Sie ganz legal oben in diesem Artikel auf ZEIT ONLINE in der Achtzigerjahreversion spielen können).

Rambo: First Blood Part II

Das Spiel aus dem Jahr 1986 ist ungefähr so unterkomplex wie die "Rambo"-Filme selbst: Der Spieler wird vom Hubschrauber in Vietnam abgesetzt und läuft als ballernder Einzelkämpfer durch die Gegend.

© Ocean / c64-longplays.de

Aufgabe des Spielers bei Raid over Moscow ist es, das Atomwaffenarsenal der Sowjetunion zu zerstören. Daher war das Game per se ein Politikum in der DDR. "Das hätte richtig Ärger geben können", wenn die Stasi dahintergekommen wäre, dass man als Jugendlicher eine Kopie des Spiels besessen hätte, sagt Ullmann. "Aber die Liebe zu den Computerspielen war eindeutig stärker als die Angst, in die Fänge der Stasi zu geraten."

In der BRD hatte die Bundesprüfstelle das – gemessen an heutigen Spielen – geradezu harmlos wirkende Raid over Moscow im Jahr 1985 indiziert. Zur Begründung hieß es damals: "Bei älteren Jugendlichen führt das Bespielen (...) zu physischer Verkrampfung, Ärger, Aggressivität, Fahrigkeit im Denken, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen u. a." Im Jahr 2010 wurde das längst nicht mehr erhältliche Spiel vom Index gestrichen, das geschieht automatisch nach 25 Jahren. Seither hat sich niemand gefunden, der eine erneute Indizierung beantragt hätte.

"Komodore" und "Adari"

Im Ostberlin der Achtziger wollte sich Stefan Paubel, der im Haus der jungen Talente angestellt war, dagegen absichern, dass der dortige Club womöglich wegen mancher der dort getauschten oder gespielten Games geschlossen würde. Paubel fand eine so listige wie simple Lösung: Er klebte einfach einen Zettel an die Wand. "In diesem Klub ist es verboten, kriegsverherrlichende Spiele zu spielen", stand darauf. Problem gelöst.

Das Strategiespiel Kreml, das vom Schweizer Kleinverlag Fata Morgana Spiele produziert wurde, versuchte die Stasi aus dem Verkehr zu ziehen. Bei Kreml übernimmt der Spieler einen Sowjetpolitiker und kämpft mit anderen um das Amt des Parteichefs. In einer Stasiakte heißt es, dass das Spiel "aufgrund der antisowjetischen Aussagen den Interessen der DDR widerspricht". Die Einfuhr von Kreml solle daher unter allen Umständen verhindert werden. Als Beleg ist an die Akte eine Rezension von Kreml aus der westdeutschen C64-Zeitschrift Happy Computer angeheftet. Von anderen Spielen hatte sich die Stasi die Bedienungsanleitungen besorgt, die Außenstelle Leipzig etwa die von Elite, einer Weltraumsimulation aus dem Jahr 1984.

Zocken im Jahr 1985: Den C64 schloss man an einen Fernseher an und in der "Happy Computer" las man im Zweifel vor allem die Spieletests – sogar die Stasi tat das. © K-P Wolf

Für Volker Strübing bedeuteten die C64-Spiele "ein Tor in eine neue Welt, weg aus dem sonst oft so tristen DDR-Alltag". Strübing ist genauso alt wie Timo Ullmann, er war 1988 also ebenfalls erst 16 und besuchte wie Ullmann regelmäßig den Computerklub im HdjT. Durch die Treffen entstand eine feste Clique von Ostberliner Jugendlichen, die in ihrer Freizeit zusammen zockten, bald auch eigene Programme entwickelten und – wie Strübing – auf dem C64 Musik machten. Seinen hatte er in einem Intershop in Ostberlin gekauft, das nötige Westgeld hatte er von seinem Großvater zugesteckt bekommen, der in Westberlin wohnte.

Jeden Mittwoch wickelten die Jungen ihre eigenen Rechner in Handtücher, stopften sie in Aktenkoffer und gingen ins HdjT, wo sie dann nicht mehr darauf angewiesen waren, dass die clubeigenen C64-Modelle mal frei waren. "Für DDR-Verhältnisse waren wir in Ostberlin mit unseren C64 echt privilegiert", sagt Strübing.

Währenddessen versuchten der Zoll der DDR und die Staatssicherheit zunehmend verzweifelt, einerseits die Einfuhr, andererseits die Verbreitung von westlichen Computerspielen unter Kontrolle zu halten. Schon in einem Papier aus dem Oktober 1986 stellte ein Inspekteur fest, dass zu dem damaligen Zeitpunkt deutlich mehr Disketten in die DDR geschmuggelt wurden als noch im Jahr zuvor. Allein in Ostberlin würden monatlich 18.000 Disketten in An- und Verkäufe gelangen, so der Inspekteur.

Militärische Kampfhandlungen

Um der ungehinderten Weitergabe von vermeintlich subversiver Software etwas entgegenzusetzen, versuchten einzelne MfS-Kreisdienststellen stichprobenartig, die zirkulierenden Disketten auf verbotene Inhalte zu kontrollieren. Im sächsischen Glauchau etwa durchsuchten Stasileute laut einer ZEIT ONLINE vorliegenden Akte "Computertechnik westlicher Herkunft mit dazugehörigem Spielprogramm", die sich das Kombinat Wolle und Seide in Meerane in einem An- und Verkauf besorgt hatte. Mit den Rechnermarken kannten sich die Geheimdienstler offenbar nicht sonderlich gut aus, sie notierten die Fabrikate "Komodore" und "Adari". Ernster war ohnehin das, was sie auf den Disketten fanden, nämlich "Kriegsspiele, bei denen militärische Kampfhandlungen mit Panzern, die durch einen roten Stern gekennzeichnet sind, simuliert werden können".

Blue Max

Auch das 1983 erschienene "Blue Max" stand auf dem Stasi-Index. Der Spieler mimt hier einen britischen Kampfpiloten während des Ersten Weltkriegs.

© Synapse Software / c64-longplays.de

Auch der junge Soldat und IM, der für das MfS am 6. Januar 1988 erstmals das HdjT in Ostberlin besucht hatte, hielt bald gezielt Ausschau nach inkriminierenden Games, die dort womöglich getauscht wurden: Er ging eine Woche später zum nächsten Mittwochstreffen des Computerklubs und wurde bei einem Elftklässler fündig. Der Schüler "brachte enorm viele Disketten mit, darauf vorwiegend Kriegsspiele", gab der IM hinterher beim MfS zu Protokoll, die zweite Operative Information ist auf den 16. Januar 1988 datiert.

Der IM kopierte sich das Luftkriegsactionspiel Ace of Aces von dem Elftklässler und berichtete seinem Führungsoffizier dann, dass man in dem Game "mit Flugzeugen, U-Booten und anderen Kampfmitteln im gesamteuropäischen Rahmen Städte angreifen und bombardieren beziehungsweise militärische Objekte bekämpfen kann". Am Ende des Dokuments heißt es, der IM sei angewiesen worden, beim nächsten Clubtreffen zwei Wochen später die "zur Personifizierung notwendigen Personalien" des Schülers zu ermitteln und zu ihm "engeren Kontakt zu knüpfen". Auch solle er versuchen, "mit dem Leiter (also Paubel, d. Red.) wiederum ins Gespräch zu kommen".

An diesem Punkt jedoch verliert sich in den ZEIT ONLINE vorliegenden Dokumenten die Spur des IM, der auf den Computerklub im HdjT angesetzt worden war. Eine Kaderakte, die über dessen weitere Tätigkeit Aufschluss geben könnte, oder weitere Aufzeichnungen des Führungsoffiziers zu dem IM sind in dem Konvolut nicht enthalten. Und weder Stefan Paubel noch Timo Ullmann oder Volker Strübing können sich daran erinnern, dass ihnen ein solch besonders neugieriger junger Mann damals begegnet wäre. Auch gab es für den Computerklub selbst keine spürbaren Konsequenzen, die aus der IM-Beobachtung hätten folgen können. Paubel hielt weiter seine Vorträge über Westrechner, Ullmann und Strübing tauschten weiter fleißig Spiele. 

"Die glücklichste Zeit meines Lebens"

Nach Aktenlage besuchte erst im Juli 1989, nur einige Wochen bevor an der ungarisch-österreichischen Grenze ein Massenexodus von DDR-Bürgern begann, ein weiterer IM, der "über Grundkenntnisse zur Computertechnik verfügt", den Computerklub im Haus der jungen Talente. Auch dieser erkannte schnell, dass der Club "mehr den Charakter einer Tausch- und Softwarebörse hat. Vornehmlich werden Programme und Computerspiele getauscht".

Der IM lernte dort auch Erwachsene kennen, unter anderem einen Informatiklehrer, der einen C64 besaß und "in einem privaten Tauschring für Software verankert" war. Der IM schlug laut den Akten vor, den Informatiklehrer zu identifizieren und weitere Maßnahmen mit der Arbeitsgruppe Geheimnisschutz zu koordinieren. Eine tiefergehende Überwachung des Clubs, etwa durch gezielte Abhöraktionen, hielt er aber für nicht notwendig – anscheinend vermutete der IM, dass von diesem Ort keine subversiven politischen Machenschaften ausgingen.

Computer werden zur Gefahr

Nur wenige Monate später veränderte sich die politische Lage völlig, Massen demonstrierten auf den Straßen der DDR-Städte. Der Leiter der AGG in der Bezirksverwaltung Berlin, der ein Jahr zuvor den privaten Gebrauch von Computern in der DDR beschrieben hatte, notierte am 10. Oktober 1989 unter der Überschrift "Information und Festlegungen zur Bekämpfung des Missbrauchs von Computern" in einem internen Papier: "In Zusammenhang mit den zunehmenden Aktivitäten des politischen Untergrundes zur Verbreitung staatsfeindlicher Texte wurden in mehreren Fällen Computer zur Vervielfältigung genutzt." Es sei etwa auf einer beschlagnahmten Diskette ein Text des Neuen Forums gefunden worden. Diese Organisation prägte die Bürgerbewegung wesentlich.

"Heiße Spiele kritisch getestet": Die westdeutsche Zeitschrift "Happy Computer" war in den Achtzigerjahren Pflichtlektüre für Gamer in ganz Deutschland

"Unter operativer Bearbeitung oder Kontrolle (der Staatssicherheit, d. Red.) stehende Personen sowie deren nahe Verbindungspersonen" müssten nun allesamt dahin gehend überprüft werden, "ob sie als private Empfänger/Benutzer von Rechentechnik seit Anfang 1988 bekannt geworden" seien, schrieb der Stasioffizier. Die AGG werde eine Liste erstellen, wer von den entsprechenden Menschen einen Drucker besitze. Auch alle "Objekte", die in den "Zuständigkeitsbereich der Dienststellen" fielen und eine EDV besäßen, also etwa Betriebe, seien zu überprüfen daraufhin, ob dort "Missbrauchshandlungen" stattfänden: "zum Beispiel Verbreitung von Texten, Spielen, insbesondere faschistischen Charakters, Virenprogramme, ungenehmigtes Kopieren dienstlicher Daten". Dann sei "die operative Aufklärung und Bearbeitung des Sachverhalts erforderlich", so der Oberstleutnant.

Computer und die für sie verfügbare Software – seien es nun Spiele oder Textverarbeitungsprogramme – wurden von der Staatsmacht nun als reale Gefahr für die eigene Existenz betrachtet. Verzweifelt versuchte sie, die rasante Verbreitung von Datenträgern und Software noch unter Kontrolle zu bringen. Doch zu einem wie auch immer gearteten großen Gegenschlag gegen Nutzerinnen und Nutzer von Computern kam es nicht mehr. Einen Monat später fiel die Mauer.

Mit dem Abstand von drei Jahrzehnten ist Stefan Paubel von der Stasi regelrecht enttäuscht angesichts des Inhalts der verfügbaren Akten: "Die IMs waren für mich erstaunlich naiv, die Berichte fallen viel zu positiv aus." Doch auch er selbst sei wohl etwas naiv gewesen damals, sagt Paubel, besaß er doch zum Beispiel einen Nadeldrucker. Auf die hatte es die Stasi abgesehen als potenzielle Vervielfältigungsgeräte für politische Pamphlete. Auch sei es wohl etwas unvorsichtig gewesen, dass er sich Happy-Computer-Ausgaben im Roten Rathaus kopieren lassen habe gegen Zahlung von Naturalien, nämlich Schnaps. Doch rausgekommen sind diese im Rückblick eher lustig wirkenden Dinge nicht. "Manchmal muss man auch Schwein haben", sagt Paubel.

Volker Strübing ist ebenfalls verwundert, dass die Stasi nicht härter gegen Computerclubs und junge Gamer wie ihn vorgegangen ist. "Sie hatten alles Kritische auf dem Papier: Softwaretausch, eine komplette Liste aller kriegsverherrlichenden Spiele, Westcomputer", sagt er. "Aber vermutlich hatten sie keinen Plan, was das nun alles wirklich bedeutet." Wenn auch keine konkrete Flucht aus der DDR, so doch eine geistige Abkehr zum Beispiel.

Statt negative Konsequenzen fürchten zu müssen, hätten die jungen Leute aus dem Computerklub im HdjT eher Vorteile genossen, sagt Timo Ullmann: Als Bewerber für die Ingenieurshochschule in Berlin seien sie sehr beliebt gewesen. Ab 1988 gab es zudem für angehende Studenten der Informatik einen verkürzten Wehrdienst von neun Monaten. 

Die Mikroelektronik sei für die DDR eben eine "heilige Kuh" gewesen, sagt Paubel, der sich so auch die absurde Situation erklärt: "Hier haben sich junge Menschen mit Computern beschäftigt, und das war ja offizielles politisches Ziel, da wurde anscheinend vieles billigend in Kauf genommen." Daher hätten die Besucher im HdjT-Computerklub mehr Narrenfreiheit und Möglichkeiten gehabt, Dinge umzusetzen, die sonst nirgendwo in der DDR möglich gewesen wären, glaubt Paubel.

Die wissenschaftliche Literatur, die es zur Tätigkeit des MfS ab Mitte der Achtzigerjahre gibt, beschreibt allerdings auch, dass Beobachten und – wenn überhaupt – "Zersetzen" im Verborgenen zu dieser Zeit typischer waren als offene Repression. Die DDR fürchtete um ihren Ruf und war deswegen in vielen Bereichen deutlich vorsichtiger als etwa in den Sechzigerjahren.

Post vom Abmahnanwalt

"Das war die glücklichste Zeit meines Lebens", sagt Stefan Paubel im Rückblick auf die Achtzigerjahre im Computerklub im Haus der jungen Talente. Nach der Wende arbeitete Paubel zunächst in einem Computerladen, später wurde er Mediengestalter. Heute erschafft er durch Fotomontagen neue Straßen- und Stadtansichten, außerdem hat er zwei Bücher verfasst, Alte Kanaldeckel in Berlin und Alte Kanaldeckel in Europa, derzeit arbeitet er an einem dritten Buch. Seinen alten C64 besitzt Paubel noch immer.

Volker Strübing entwickelte mit anderen Mitgliedern seiner Clubclique im Jahr 1990 das Puzzlespiel Atomino für das deutsche Gamesstudio Blue Byte, in den Neunzigerjahren gründete er zusammen mit anderen die Berliner Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen, deren wöchentliche Veranstaltungen bis heute weitergehen. Seit Mai 2007 gestaltet Strübing Kloß und Spinne, eine satirische Trickfilmreihe. Als Autor schreibt er weiterhin über das Thema C64.

Timo Ullmann ist der Einzige der drei, der sich bis heute beruflich mit Computerspielen beschäftigt. Nach der Wende studierte er Informatik und arbeitete parallel mit anderen aus der HdjT-Clique bei TerraTools, einer Babelsberger Gamesfirma. Mit vier Kollegen gründete er im Jahr 1999 Yager, das heute eines der größten deutschen Entwicklerstudios für Computerspiele ist mit mehr als 100 Mitarbeitern. "Der Grundstein dafür liegt im C64 und dem Computerklub des HdjT", sagt Ullmann. "Das war eine wunderbare Zeit."

Der Computerklub im Haus der jungen Talente existierte nach dem Fall der Mauer vorerst weiter. In den ersten Monaten des Jahres 1990 wurde das Ministerium für Staatssicherheit aufgelöst. Zur selben Zeit bekamen Videospieler in der DDR zum ersten Mal richtig Probleme, wenn sie Westspiele tauschen oder handeln wollten und das zum Beispiel durch Annoncen in Computerzeitschriften anboten. Doch es waren nicht die staatlichen Stellen der zerbröckelnden DDR, die sich bemerkbar machten. Die Gamer kriegten Post von Abmahnanwälten. Auf diese Weise machten sie ihre ersten Erfahrungen mit dem Kapitalismus, der da kommen sollte. 

Im August 1990, zwei Monate vor der Wiedervereinigung und dem Ende der DDR, beschlossen die verbliebenen Mitglieder des Computerklubs im Haus der jungen Talente in Ostberlin, den Club aufzulösen. 

Umsetzung: Steffen Hänsch, Moritz Klack, Jonas Parnow, Christoph Rauscher, Julian Stahnke, Julius Tröger

Wissenschaftliche Beratung: Franziska Kelch

Redaktion: Dirk Peitz