Vor sechs Jahren rüttelte Reed Hastings, Gründer und CEO von Netflix, mit einem Satz die Unterhaltungsbranche auf: "Wir wollen schneller zu HBO werden, als HBO zu uns wird." Der amerikanische Pay-TV-Sender galt damals wie heute als Beispiel für anspruchsvolle Fernsehunterhaltung. Aktuelle Serien wie Game of Thrones und Klassiker wie The Sopranos zählen zu den Besten, die es zu sehen gibt. Hastings wusste: Wenn Netflix erfolgreich sein will, dann musste es nicht nur inhaltlich mit HBO konkurrieren können, sondern mittelfristig auch dessen Kunden und Kundinnen abwerben.

2019 hat Netflix zumindest das inhaltliche Ziel erreicht. Der Streamingdienst investiert Milliarden in eigene Filme und Serien, gewinnt Fernseh- und Filmpreise, verpflichtet bekannte Regisseure und expandiert weltweit. Netflix ist in vielerlei Hinsicht zum HBO des Streamings geworden. Doch ein neuer Wettbewerber wartet bereits: das Videospiel Fortnite.

"Wir konkurrieren mehr mit Fortnite als mit HBO – und verlieren", schrieb Hastings jetzt in seinem vierteljährlichen Brief an die Aktionäre. Was in diesem Satz noch steht: Der Streamingdienst Netflix hat vielleicht Angst, in jedem Fall aber großen Respekt vor einem Videospiel. Was in dem Satz ebenfalls steht: Games sind nicht mehr nur Games. Sondern, wie im Fall von Fortnite, ein komplettes Unterhaltungsprogramm.

Wer Fortnite spielt, guckt nebenbei kein Netflix

Da wären die Zahlen. Fortnite ist eines der derzeit erfolgreichsten Videospiele. 2,4 Milliarden US-Dollar Umsatz soll es dem Entwickler Epic Games jüngsten Marktanalysen zufolge im vergangenen Jahr beschert haben. Netflix kam in der gleichen Zeit auf Erlöse von knapp 4,2 Milliarden US-Dollar. Mehr als 200 Millionen Menschen haben Fortnite mindestens einmal gespielt, rund 80 Millionen spielen es regelmäßig. Demgegenüber stehen 138 Millionen zahlende Netflix-Kunden.

Die Schnittmenge zwischen Netflix-Zuschauenden und Fortnite-Spielerinnen ist zumindest altersmäßig groß. Umfragen zufolge sind in den USA zwei Drittel der Spieler zwischen 18 und 24 Jahren alt. Bei Netflix sind mehr als 70 Prozent der Abonnenten im Alter von 18 bis 29.

Computerspiel - Fortnite für Anfänger Das Spiel »Fortnite« fesselt Kinder und Jugendliche stundenlang an Bildschirm und Tastatur. Was Eltern wissen sollten, um mitreden zu können. © Foto: AFP-TV

Man darf also annehmen, dass Fortnite-Spieler auch Netflix gucken. Und genau darin steckt das Problem, das Hastings in seinem Brief beschreibt. Denn wer den Onlineshooter spielt, guckt vermutlich nicht gleichzeitig eine neue Serie auf dem Fernseher. Beide teilen sich nämlich eine Ressource namens Screen Time. Gemeint ist die Zeit, die Menschen vor dem Bildschirm verbringen. Jahrzehntelang bezifferte diese Zahl vor allem die Spanne, die jemand im Kino oder vor dem Fernseher saß, dann kamen Computer, Spielkonsolen hinzu, nun Smartphones und Tablets, die mit um Aufmerksamkeit und Freizeit buhlen.

Schließlich ist die Screen Time endlich; jeder Mensch verbringt nur eine bestimmte Zeit des Tages vor Bildschirmen, manche mehr, manche weniger. In den Worten des Netflix-Chefs: "Tausende von Konkurrenten wetteifern im hochfrequentierten Unterhaltungsmarkt mit niedrigen Zugangshürden und großartigen Erfahrungen um die Verbraucher." Und ein Spiel wie Fortnite, das nichts kostet, aber großes Suchtpotenzial hat, schöpft offenbar spürbar die Screen Time von Netflix, HBO und anderen Unterhaltungsangeboten ab.