Leider gibt es keinen Preis für das hübscheste Videospiel. Far Cry würde ihn sonst sicher regelmäßig gewinnen. Die gesamte Reihe, seit ihrem Start im Jahr 2004, ist wunderschön. So auch der neue Teil Far Cry New Dawn: Wie da die Reste der Zivilisation überwuchert sind von Moosen und Veilchen! Dramatisch strahlt die Sonne durch die Buchenwälder und zeichnet scharfkantige Lichtflecken auf den Waldboden. Am Himmel leuchten blassgrüne Nordlichter, wie man sie eigentlich nur auf Island oder Spitzbergen sieht – aber sicher nicht in einem fiktiven Montana. Das Laub ist teils gelb, obwohl Hochsommer sein muss, schließlich blüht zugleich der Jasmin.

Dem Spiel ist diese Realität egal. Die Nordlichter sind sogar am hellen Tag gut sichtbar. Hauptsache, alles sieht spektakulär aus. Diese Dreistigkeit ist lobenswert, kein anderes Medium traut sich das. Wohl denen, die da nicht die Hauptmission vollkommen vergessen. Wobei das vielleicht besser wäre.

Die geht, stark verkürzt, so: Elf Jahre nach dem Ende der Story von Far Cry 5 haben Atombomben die Erde verwüstet, die letzten Menschen mussten in Bunker fliehen; dort verweilten sie sechs lange Jahre. In New Dawn – übersetzt: dem Anbruch eines neuen Tages – kommen sie wieder an die Oberfläche und errichten kleine Dörfer. Eins davon, Prosperity, ist die Gemeinschaft der Spielenden. Man trifft dort auf Carmina Rye, so etwas wie die Protagonistin, und Thomas Rush, eine Art Robin Hood. Die Spielende steuert eigentlich eher eine Nebenfigur, die männlich oder weiblich sein kann, und als besonders harte Kämpferin die kleine Kommune unterstützt.

Denn natürlich muss sich die Gemeinschaft den Angriffen böser Menschen erwehren, speziell der Highwaymen, einer marodierenden Bande von Punks, die überall das Land unsicher macht. Ihre Anführerinnen, die Zwillinge Mickey und Lou, wollen die Gemeinschaft von Rye, Rush und den Spieler selbst vernichten (offenbar haben sie aber auch viel anderes zu vernichten, denn sie schauen nur alle paar Stunden der Spielzeit mal vorbei).

Ein Game für Gamer

Das Game ist ein "Open World Action Adventure First Person Shooter" (so kompliziert heißen Genre-Schubladen heute manchmal), aber über den Teil "Open World" muss man noch einmal nachdenken. Dieser Begriff meint ja, dass sich die Spielenden frei in der Spielwelt bewegen können. Das kann man hier zwar, es fühlt sich aber sinnlos an. Wer nicht brav die Hauptgeschichte verfolgt, verliert sehr schnell den Faden. Denn irgendwann beginnt der Erzählstrang zu zerfasern, Elemente aus anderen Far-Cry-Teilen tauchen auf. Plötzlich muss man Joseph Seed suchen, den wahnsinnigen Kult-Führer aus Far Cry 5. Und nicht nur das. Die Neandertaler aus Far Cry Primal scheint es auch zu geben, sie bewohnen hier und da eine Höhle, sprechen nicht, tun einem aber auch nichts.

Dieses Verweisen auf andere Teile der Reihe ist irgendwie nur folgerichtig. Far Cry ist längst ein Universum. Das Spiel hat fünf Hauptteile und sieben Ableger. Drumherum hat sich gar ein kultureller Kosmos entwickelt. Es gibt bereits drei Romane sowie einen maximal trashigen Film von Uwe Boll, mit Til Schweiger in der wortkargen Hauptrolle. Wer mit New Dawn in die Far-Cry-Reihe einsteigen will, dem wird es so allerdings wirklich schwer gemacht. Man kann wohl konstatieren, dass sich das Spiel immer mehr an Hardcore-Gamer und Nerds richtet, die bereit sind, ganz in eine Welt abzutauchen.