Zombies haben die Welt überrannt und töten ihre Opfer nicht nur, sondern vergewaltigen sie erst noch. Und weil sowieso alles zu Ende geht, werden auch die Menschen zu Sexualstraftätern. Vor allem Männer dürfen Frauen belästigen, vergewaltigen und schließlich töten. So sieht das Indie-Videospiel Rape Day die apokalyptische Welt.

Das Spiel ist ein Aufreger, seit es vergangene Woche erstmals auf der Spieleplattform Steam auftauchte. In den Medien, auf Twitter und in den Kommentaren von Steam forderten zahlreiche Menschen, das Spiel zu stoppen. Es gab mehrere Onlinepetitionen, die unter anderem noch immer fordern, das Spiel auch bei den Bezahldiensten Visa, Mastercard und Paypal mit einem Bann zu belegen. Andere wollten das Spiel vor allem von Steam entfernen – obwohl es sich nur um eine Vorankündigung handelte, Rape Day selbst gar nicht spielbar war.

Ende der Woche reagierte Steam auf die Kritik und verbannte das Spiel. Am Wochenende war es dann kurzzeitig auf der Plattform Humble Bundle für 15 US-Dollar erhältlich, seit Montag ist es auch dort gesperrt. Der Entwickler wird vermutlich weitere Wege finden, es anzubieten.

Wer das Spiel zwischenzeitlich gekauft hatte, merkte schnell: Rape Day ist Schrott. Hier hat jemand zahlreiche explizit sexuelle Bilder berechnet und sie mit Texten versehen, durch die man sich klicken muss. Ästhetisch ist das der Stand von circa 1985, technisch lächerlich unbedeutend und nicht der Rede wert, wäre es nicht eine solche Provokation. Eine, die gleichzeitig das Problem mit Sex und Sexualität in Videospielen offenbart: Entweder handelt es sich dabei meist um eine reine Fleischbeschau weiblicher Körper oder Frauen werden als unterwürfige Objekte inszeniert, die sich willenlos meist Männern hingeben müssen.

Der Programmierer von "Rape Day" sieht eine Debatte über Zensur

Der Entwickler von Rape Day startete im Übrigen eine Gegenpetition, in der von einem "drakonischen Moralismus" einer "lautstarken Minderheit" die Rede ist. Das klingt sicherlich nicht nur zufällig nach Alt-Right, Incel und anderen rechten oder frauenfeindlichen Bewegungen, ist aber in diesem Fall auch noch völliger Quatsch: Der Abscheu gegenüber dem Spiel ist überwältigend und wird ganz offensichtlich von den meisten geteilt.

"Es war nicht so gedacht, aber das Spiel hat eine großartige Debatte über Zensur losgetreten", sagt der Entwickler nun auf Nachfrage von ZEIT ONLINE. Er nennt sich Jake Roberts, gibt sonst aber nicht viel von sich preis. Er fühlt sich unverstanden und zensiert: "Die Leute, die jetzt gegen mein Spiel sind, sind die gleiche Art von Menschen, die gegen Rock 'n' Roll waren, als er aufkam. Oder gegen das Magazin Playboy."

Damit geht in der Debatte um Rape Day vieles durcheinander. Angebliche Zensur: Ein mindestens streitbarer, wenn nicht unsinniger Begriff in diesem Fall. Und dann die beleidigte Klage über eine mutmaßliche "Aufschrei"-Kultur. Beinahe verdeckt das alles ein Thema, das Spiele auch sonst viel zu oft betrifft: einen gängigen Sexismus, der allzu oft auch Missbrauch und sexuelle Gewalt normalisiert.

Wer an Sex in Games denkt, erinnert sich oft an schlechte Software wie Lula 3D von 2005. Da musste eine Pornodarstellerin aufklären, wer ihre Co-Stars gekidnappt hat. Der Hersteller warb mit einer "bouncing boobs technology", also mutmaßlich realistisch wackelnden Brüsten. Das Spiel erhielt spektakulär miese Bewertungen – aber nicht wegen seines offensichtlichen Sexismus. Sondern mit Begründungen wie "flacher Humor" und "kindische Story". Dass da eine Detektivin eine Abenteuerstory in Strapsen und mit tiefem Dekolleté ermittelt, fiel nicht so vielen Kritikern unangenehm auf.

Im selben Jahr erschien auch das Hot Coffee Mod. Es war ein Patch, also eine kleine Software, die im Internet herumgereicht wurde, mit der man eine Sexszene in dem damals sehr erfolgreichen Grand Theft Auto: San Andreas freischalten konnte. Das Thema schaffte es in den USA bis in die Abendnachrichten im Fernsehen. Videospielen haftete damals ohnehin noch verstärkt das Stigma an, allerlei böse Wirkungen auf die Jugend zu haben. Auch hier stand wieder die bloße Tatsache in der Kritik, dass Sex inszeniert wird. Und nicht, was für ein Sex: CJ, der Protagonist des Spiels, besucht seine Freundin und wirft sie während des Aktes wie eine Puppe hin und her.

Und dann war da noch die Dead-or-Alive-Reihe, in der knapp bekleidete Mädchen Beachvolleyball spielen, damit möglichst viel nackte Haut zu sehen ist. In Assassin's Creed kann der Spieler sich von einer Prostituierten befriedigen lassen, im vierten Teil gar eine Frau verfolgen, fangen und aufs Bett zwingen. Das war nicht einmal erotisch, nur sehr angedeutet – aber vor allem von Machismo getragen.

Vielen Games fehlt ein erwachsener Umgang mit Erotik

Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen. In Mass Effect 2 etwa konnten Spielerinnen und Spieler das Geschlecht der Hauptfigur wählen sowie den Partner, dem man sich erotisch annähern möchte – so kam es erstmals in einem größeren Game zu homosexuellem Sex. Und auch in Wolfenstein: The New Order ist der sonst so martialische Held erstaunlich passiv in einer Sexszene.

Dennoch scheitern viele Videospiele weiterhin an einem erwachsenen Umgang mit Erotik und Sexualität. Während in den oben genannten Beispielen vor allem Sexismus dominiert, sind explizite Vergewaltigungsfantasien in den Händen der Spielenden wie in Rape Day eine Randerscheinung. Aber es gibt sie, vor allem in der japanischen Erogē-Szene. 2009 führte die Debatte um das Spiel RapeLay dazu, dass ein japanisches Entwicklerstudio seine Spiele nicht mehr als Rape Games kategorisierte. Ein jüngeres Beispiel ist das sogenannte Comedy Adventure House Party aus dem Jahr 2017, in dem man Frauen zum Sex überreden und in einigen Szenen mutmaßlich auch mit Drogen und Alkohol gefügig machen konnte, eindeutig auch eine Straftat.

Solche und auch angedeutete Fantasien sind ein Abbild dessen, was heute toxische Männlichkeit genannt wird. Es überrascht nicht, dass nun ein Einzeltäter den letzten Schritt zu einem Spiel ging, das sexuelle Gewalt regelrecht feiert. Jake Roberts, der Entwickler von Rape Day, versucht nun, maximales Kapital aus der Kritik zu schlagen. Er sei als Kind für jede sexuelle Andeutung geschlagen worden, erklärt er, und wolle sich heute nicht mundtot machen lassen. "Ich bin ein normaler Typ mit einem normalen Job und habe das Spiel in meiner Freizeit geschrieben." Und dann sagt er noch etwas, das einer gewissen Logik leider nicht entbehrt: "Wenn die Menschen wirklich den Nöten anderer Mitgefühl entgegenbringen würden, wäre nicht bloß Vergewaltigung in Videospielen verboten, sondern auch Mord."

Unklare Richtlinien bei Steam

Und das ist bekanntlich nicht der Fall. Das Töten virtueller Figuren ist akzeptiert und alltäglich. Bei Rape Day wird allerdings das Verbrechen auch ausführlich – und genüsslich – in die Länge gezogen. Das mag in Kill-Animationen auch manchmal mitschwingen, war aber bei Shootern selten die Hauptsache. Und wenn doch – wie in Manhunt – wurden die Spiele in Deutschland bundesweit eingezogen und vernichtet. Zu Beginn von Rape Day könnte man noch Untertöne herauslesen, die nachdenklich stimmen sollen. Da werden Dinge formuliert wie: "Du weißt, dass es falsch wäre. Aber dies ist das verdammte Ende der Welt, also, na und!" Kurz darauf geht es nur noch um Gewalt und Missbrauch. Eine zweite Ebene suchen die Spieler und Spielerinnen vergeblich.

Valve, die Betreiberin der Plattform Steam, verkündete, Rape Day verstoße zwar nicht gegen Richtlinien, werde aber entfernt, weil es "unbekannte Kosten und Risiken" verursachen könne. Was das bedeuten soll, blieb unklar.

Am Ende scheitert also auch die weltgrößte Spieleplattform daran, klare Grenzen zwischen Sex, Sexualität, Sexismus und Gewalt zu definieren. Dabei ist Rape Day nur ein Teil eines größeren Problems. Seit vergangenem Sommer können Entwickler und Entwicklerinnen ihre Spiele auf Steam veröffentlichen, ohne dass diese vorher geprüft werden. Seitdem finden sich dort Nazi-Spiele, Pornos aller Art, auch Fakes, die gar nicht spielbar sind. Überall wird derzeit gegen Uploadfilter gewettert – hier würde man sich welche wünschen.