Nach sieben Stunden ist es endlich vorbei. So lange dauert das neue Stranger-Things-Spiel, das Netflix gerade rausgebracht hat. Darin bewegen sich Spielerinnen und Spieler in der 16-Bit-Retro-Optik in der isometrischen Perspektive allein oder mit einem Freund durch verschiedene Schauplätze der Kleinstadt Hawkins und erfüllen die immer gleichen Aufgaben: Botengänge, Schalterrätsel, Kämpfe. Zwölf Charaktere aus der Serie sind spielbar: Der lockenköpfige Nerd Dustin besprüht Gegner mit seinem Haarspray, der aktuell erfolglose Frauenheld Steve vertreibt – passend zu seinem neuen Job im Eisladen der Mall – böse Russen mit Eiskugeln. Joyce, die Mutter von Will, kann mit einem Bolzenschneider in Bereiche, die vorher verschlossen waren.

Nur ist das alles ziemlich langweilig und unterfordernd. So gibt es keine Levelaufstiege wie in einem Rollenspiel, die herstellbaren Gegenstände braucht man nicht und das Kampfsystem ist simpel. Und wer die dritte Staffel gesehen hat, kennt das Spiel schon: Es hält sich nämlich viel zu eng an die Vorlage. Wer die Serie noch nicht gesehen hat, wird gespoilert. Und enttäuscht, weil die Inszenierung mit der Serie nicht mithalten kann: Es gibt im Spiel nicht einen einzigen Achtzigerjahresong! Neue Charaktere wie Robin sind nicht mit dabei! In Hawkins Arcade-Halle kann man keine Spieleklassiker von damals spielen! Die anderen Spielfiguren in Mikes Keller zu einer Partie Dungeons & Dragons herausfordern, während Madonnas Material Girl läuft? Geht auch nicht.

Nun ist es keine Überraschung, wenn auf eine gute Serie ein schlechtes Spiel folgt. E.T. the Extra-Terrestrial von 1982 war eine der ersten Umsetzungen und floppte spektakulär. Lizenzspiele haben seitdem den Ruf, schlecht zu sein. Zu Recht. Denn häufig üben die Filmemacher Druck auf die Entwicklerinnen und Entwickler aus, wollen das Spiel beeinflussen und es zeitgleich mit dem Film veröffentlichen. Für E.T. hatte ein einzelner Entwickler von Atari damals beispielsweise nur fünf Wochen Zeit bekommen. 

Endgegner "Fortnite"

Das Problem: Spiele zu Filmen und Serien werden häufig als Merchandise angesehen, um das schnelle Geld zu machen. So offenbar auch das neue Stranger-Things-Spiel. Und das verwundert, wenn man betrachtet, warum Netflix nun überhaupt Spiele entwickeln (oder beauftragen) will – nämlich aus Angst vor Fortnite. Im Januar bezeichnete Netflix-CEO Reed Hastings den Megahit von Epic Games als großen Konkurrenten, größer noch als HBO. Denn wer Fortnite spielt, schaut kein Netflix. Wertvolle Bildschirmzeit also, die an ein fremdes Videospiel verloren geht. Wenn man schon Bildschirmzeit an Games verliert, dann doch bitte an Eigenproduktionen aus dem Netflix-Universum. 

Doch simple Merch-Beigaben zu Eigenproduktionen werden nicht reichen, um langfristig neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Höchstens eingefleischte Fans, die eh schon einen Netflix-Account haben, werden sich das Stranger-Things-Spiel anschauen. Kurioserweise war Netflix schon mal weiter.

Schon im Oktober 2017 erschien ein erstes Stranger-Things-Spiel, das die Geschichte zwischen Staffel zwei und drei erzählte. Das begeisterte Serienfans und Neulinge gleichermaßen. Es setzte auf transmediales Storytelling, spann also die Geschichte weiter und band sie in eine größere Welt ein. Eine Methode, die ein Spiel auch abseits einer Serie oder eines Films lohnenswert macht. Das Game Enter the Matrix nutzte einen ähnlichen Ansatz, indem es Handlungslücken zwischen Teil zwei und drei schloss. Obwohl die Mechanik grottenschlecht war, funktionierte es, weil neue Zwischensequenzen mit Original-Neo und seinen lederbemäntelten Freundinnen und Freunden gedreht wurden. Und auch das Game Lost: Via Domus erzählte die Geschichte um die mysteriöse Insel aus den Augen eines neuen Charakters. Bei Stranger Things hätte man vielleicht durch das neue Spiel erfahren können, wie sich Dustin und seine Freundin Suzie im Sommercamp kennengelernt haben. Für transmediales Erzählen hätte Netflix ja die Möglichkeiten. Genutzt hat es sie nicht.