Manche Diskussionen sind wie Unkraut: Sie kehren immer wieder zurück. So nun auch die Killerspieldebatte. Nach dem antisemitisch motivierten Anschlag auf eine Synagoge in Halle und dem Mord an zwei Menschen forderte Innenminister Horst Seehofer am Wochenende in der ARD-Sendung Bericht aus Berlin, man müsse nach der Tat "die Gamerszene stärker in den Blick nehmen". "Das Problem ist sehr hoch", sagte er. "Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild."

Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. "Nach #Halle stellte ich mir vor: Bundesweite Razzien in der Neonazi-Szene, Vollstreckung ausstehender Haftbefehle, konsequente Verfolgung von Hate-Speech, also Realisierung des Rechtsstaates. In Realität: Wir reden über die #Gamerszene", schreibt eine Nutzerin auf Twitter. Eine andere spottet: "Minecraft hat mich radikalisiert. Ich renne durch die Gegend und pflanze quadratische Blöcke in die Gärten meiner Nachbarn."

Beide Reflexe sind so erwartbar wie unterkomplex. Ja, der Täter Stephan B. streamte den Anschlag live auf der Gaming-Plattform Twitch. Ja, er filmte sich aus einer Perspektive, die an einen Ego-Shooter erinnert. Ja, er hatte in seinen Schriften, die er Manifest nennt, eine abscheuliche Achievement-Liste mit Vorhaben erstellt, die man auch aus Computerspielen kennt. Und ja, man darf sich nicht gleich der Diskussion darüber verschließen, dass auch rechtsradikale Gruppen Games für ihre Zwecke nutzen. Computerspiele seien für Rechtsextreme als Rekrutierungswerkzeug nicht uninteressant, betonte etwa auch der Games-Experte Christian Schiffer, Chefredakteur des Games-Magazins WASD, im Deutschlandfunk.

Wir müssen die Autofahrer in den Blick nehmen!

Doch deswegen gleich alle, die Computerspiele spielen, unter Generalverdacht stellen und sie mit mörderischen Terroristen gleichsetzen? Das ist Unsinn. Schon 2015 stellte der Psychologe Christopher Ferguson in einer umfassenden Metaanalyse fest, dass Videospiele die Psyche oder das Aggressionspotenzial höchstens minimal beeinflussen (Perspectives on psychological science: Ferguson, 2015). Argumentiert man so wie Seehofer, könnte man auch sagen: Viele Terroristen fahren Autos, deswegen muss man die Szene der Autofahrer in den Blick nehmen. Man kann es nicht oft genug schreiben: Korrelation ist nicht Kausalität.

Die Killerspieldebatte könnte stattdessen Ausdruck eines viel tiefer liegenden Problems sein: dass wir terroristische Anschläge je nach Täter anders bewerten. Ein Team um den Wissenschaftler James Ivory hat in den USA untersucht, welche Rolle die Hautfarbe eines Täters für die Debatte um Videospiele spielt (Psychology of popular media culture: Markey, Ivory et al., 2019). Dafür legten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Probanden zwei fiktive Artikel über eine Schießerei vor – einmal bebildert mit einem weißen Attentäter, einmal mit einer schwarzen. Das Ergebnis: Die Befragten assoziierten die Tat einer weißen Person eher mit Videospielen als die Tat einer schwarzen. In einem zweiten Teil der Studie untersuchten die Wissenschaftler, wie Medien über Attentate an Schulen berichteten. Auch in Artikeln kamen Videospiele eher vor, wenn der Täter eines Anschlags weiß war. Im nicht-schulischen Umfeld gab es keine Unterschiede.