Die BlizzCon im kalifornischen Anaheim ist ein Ort zum Feiern. Eigentlich. Jahr für Jahr veranstaltet das Spielestudio Blizzard Entertainment eine eigene Messe, auf der die Fans erfolgreicher Spiele wie World of Warcraft, Overwatch und Diablo auf Entwicklerinnen, Schauspieler und Bands treffen. In diesem Jahr ist noch etwas dazu gekommen: die Politik, genauer die Demonstrationen in Hongkong.

Zur Eröffnung der diesjährigen BlizzCon am Freitag fanden Proteste gegen Blizzard und zur Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong statt. Daran angeknüpft ist die grundlegende Frage, ob Gamer politisch sein dürfen. Die Antwort ist selbstverständlich ja. Aber bei Spieleentwicklern wie Blizzard scheint das noch nicht angekommen zu sein. Sie glauben weiterhin, Games dienen bloß der Unterhaltung. Mit dieser Einstellung entmündigen sie nicht nur die Gamer, also ihre eigenen Kunden und Kundinnen. Sondern auch sich selbst. Denn wer Videospielen eine politisierende Wirkung abschreibt, negiert damit das Medium als Kulturgut und künstlerisches Ausdrucksmittel.

Alle Meinungen willkommen – aber nicht bei uns

Der aktuelle Fall: Anfang Oktober trat der professionelle Hearthstone-Spieler Ng "blitzchung" Wai Chung in einem offiziellen chinesischen Stream während eines Turniers mit Brille und Atemmaske auf und rief: "Befreit Hongkong, die Revolution unserer Zeit." Blizzard, der Veranstalter des Turniers, sperrte ihn daraufhin ein Jahr lang für Turniere und erkannte ihm sein Preisgeld ab. Die Strafe wurde später zwar wieder abgeschwächt, die Aussage aber war eindeutig: Wir dulden keine politische Äußerungen im Rahmen unseres Spiels.

Die Kritik folgte prompt. Blizzard sei vor den Chinesen eingeknickt, hieß es in sozialen Netzwerken, weil China ein wichtiger Markt sei und man kein Verbot von Games wie Hearthstone und Overwatch riskieren wolle. Ein Statement des Unternehmens im chinesischen Netzwerk Weibo, wonach Blizzard die "nationale Würde" Chinas schützen wolle, schien diese Auffassung zu stützen. Es folgte die übliche Empörungswelle: Spielende sagten, sie wollten Blizzard-Spiele boykottieren, ein entsprechendes Hashtag trendete auf Twitter und Unterstützer der Bewegung in Hongkong begannen, die chinesische Spielfigur Mei aus Overwatch zum Symbol der Freiheitsbewegung zu inszenieren und Proteste im Rahmen der BlizzCon zu organisieren.

J. Allen Brack, Präsident von Blizzard, schrieb in einer Pressemitteilung, dass die Äußerungen des Spielers blitzchung nicht der Grund für die Sperre gewesen seien. Auch die Firmenbeziehungen zu China hätten nichts damit zu tun. Der Spieler habe einfach gegen die Regel verstoßen, wonach die offiziellen Kanäle "auf das Spiel fokussiert" sein sollten. Oder anders gesagt: Natürlich darf blitzchung, wie jeder andere auch, eine politische Meinung haben und diese auch äußern. Aber eben nicht bei Blizzard. Nicht im Rahmen von Hearthstone.

Bracks Aussage erinnert an Debatten aus dem Sport, allen voran dem Fußball, wo Vereine immer wieder, zumeist erfolglos, versuchen, politische Plakate und Banner im Stadion zu verbieten oder zu regulieren. Die Aussage zeigt auch die Distanz, die viele Vertreter der Spieleindustrie gegenüber ihrem eigenen Medium haben, indem sie glauben, man könne Videospiele und deren Rezeption ausschließlich "auf das Spiel fokussieren". Als sei der Raum zwischen Konsole und Couch ein Vakuum, in den nichts von der Außenwelt eindringt oder den nichts verlässt.

Der Mythos vom unpolitischen Spiel

Nun gibt es natürlich unzählige Videospiele, die wenig bis keinen politischen Anspruch haben, sei es Super Mario, Fifa, League of Legends oder auch Blizzards Fantasykartenspiel Hearthstone. Ebenso gibt es Spiele, gerade im Indie-Bereich, die hochpolitisch sind, etwa die preisgekrönte Immigrationssimulation Papers, Please oder das Antikriegsspiel This War of Mine. Niemand, schon gar nicht die Entwickler, würde den Spielen einen sozialkritischen Anspruch absprechen.

Doch es gibt eine Dissonanz zwischen diesen beiden Polen – gerade wenn es um die millionenschweren AAA-Titel, die Blockbuster unter den Games, geht: Hartnäckig hält sich der "Mythos vom unpolitischen Spiel", wie ihn der Autor Rainer Sigl Anfang des Jahres in einem Essay für Grimme Game bezeichnete. Als Beispiele erwähnt Sigl den Shooter The Division 2, der in einem vom Bürgerkrieg verwüsteten Washington, D. C., spielt. Oder Far Cry 5, in dem rechtsextreme Prepper-Milizen auf religiöse Fundamentalisten treffen. Oder auch Detroit: Become Human, in dem inmitten des Klassenkampfs zwischen Menschen und Androiden Referenzen zu Sklaverei, Vernichtungslagern und Marginalisierung gezogen werden. Schon anhand der Beschreibungen ist offensichtlich, dass diese Spiele an einem politisch-gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Nur die Verantwortlichen sehen das anders.