Das Videospiel "Fortnite" ist seit Jahren vor allem unter Jugendlichen sehr beliebt. Kürzlich warnte ein Vater in einem Beitrag in der ZEIT vor dem Suchtpotenzial des Spiels. Hier antwortet unser Autor, der sich als freier Journalist und Vater von zwei Söhnen intensiv mit "Fortnite" befasst hat.

An unserer Schule hängt ein Zettel, eine Art Proklamation, so etwas ist selten. "Was macht Fortnite mit unseren Kindern" steht da in großen schwarzen Lettern. In dem kurzen Text folgen Dinge wie: "Sehr nervenaufreibend! Suchtgefahr! Risiko der Kontaktaufnahme mit Unbekannten!" Das regelmäßige Spielen führe zu Konzentrationsschwäche, Ängsten, Leistungsversagen und Verhaltensauffälligkeiten. Das Fazit ist eindeutig: "Wir sagen NEIN zum Computerspiel Fortnite."

Die Verfasserinnen oder Verfasser scheinen ein klares Feindbild ausgemacht zu haben. Und ein mächtiges dazu: Das Videospiel Fortnite ist eines der erfolgreichsten dieser Zeit. Der Protest, gerade von Eltern, ist laut, aber hilflos. Das Videospiel scheint eines der dominierenden Themen auf Deutschlands Schulhöfen zu sein. Und auch viele verzweifelte Eltern diskutieren darüber, ob sie es erlauben, verbieten oder wenigstens einschränken sollten. In der ZEIT erschien kürzlich der Artikel eines erzürnten Vaters, der das Spiel sogar mit Heroin verglich.

Ich bin selbst Vater zweier Söhne, und ich habe Fortnite gemeinsam mit ihnen gespielt. Mein Eindruck ist: Bei diesem Thema wird ein Generationenbruch offensichtlich. Denn kaum ein Erwachsener weiß, wovon er redet. Was wird da nicht alles als dunkle Ahnung behauptet: Das Spiel habe die gute alte Problemgruppe "männliche Teenager" im Griff (dabei ist ein Drittel der Spielenden weiblich), angeblich erziele man anfangs schnell Erfolge und später nicht mehr (das Gegenteil stimmt eher, es braucht eine gewisse Übung, um sich in dem Spiel sicher zu bewegen), der Aufstieg von Level zu Level fessele die Spieler (das stimmt gerade nicht, so war es bei etwa World of Warcraft, in Fortnite ist der Levelaufstieg weit weniger bedeutend). Die Einschätzungen zeigen, dass viele Eltern offenbar nur sehen, dass ihr Kind vor dem Smartphone oder Computer hängt und auf den Bildschirm starrt. Was darauf passiert, scheint sich ihrer Kenntnis zu entziehen.

Wir Eltern sollten dem Urteil unserer Kinder vertrauen

Und klar, gerade wenn man sich für seine Kinder auch frische Luft, Fußball oder wenigstens Schach wünscht, mag das Videospiel wie ein übermächtiger Feind wirken. Ständig hört man von neuen Superlativen: Zurzeit sind etwa 250 Millionen Spieler bei Fortnite registriert. Fast 80 Millionen kommen auch wirklich monatlich ins Spiel. Zeitweise waren zehn Millionen gleichzeitig online. Und der 16-jährige Kyle Giersdorf alias "Bugha", der die Fortnite-WM im Juli 2019 in New York gewann, erhielt dafür drei Millionen Dollar Preisgeld.

Für Menschen, die noch mit Tatort und Tagesschau aufgewachsen sind, ist das möglicherweise eine Provokation. Genauso wie es für die Generation davor eine Provokation war, dass Kinder plötzlich fernsahen, statt Bücher zu lesen oder Radio zu hören. Heute reden unsere Kinder eben über Fortnite. Im vergangenen Jahr gab es noch Unklarheit über die Altersbegrenzung, weil einige Versionen ab 16 Jahren zugänglich waren und der beliebte Battle-Royale-Modus manchmal ab 16 (nämlich bei Nintendo Switch) freigegeben war, manchmal nicht. Die USK, die Videospiele auf ihre Tauglichkeit für Jugendliche prüft, hat das im Juli 2019 alles vereinheitlicht: Das Spiel ist nun in allen Versionen ab 12 Jahren freigegeben. Neben Minecraft ist es das beliebteste Spiel unter Kindern. Und sicher spielen es auch so manche Zehnjährige. Das jedenfalls lässt sich vermuten, wenn man sich in Schulen umhört.

Manchmal sollten wir Eltern aber dem Urteil unserer Kinder ein wenig vertrauen und einfach mal hinschauen, was sie denn da so in den Bann zieht.

Erste Beobachtung dabei: Sie gehen mit dem Spiel viel kreativer um, als man denken mag. Spielen sie es am PC, können sie es wie Skype benutzen. Jeder hat Kopfhörer auf, um mit den Teamkolleginnen und -kollegen reden zu können. Zumindest in den Modi von Fortnite, in denen man zu zweit oder zu viert kämpft. Da kommt es durchaus vor, dass der Elfjährige einfach nur mit seinem Freund aus Leipzig plaudert, die Spielfiguren lassen sie dabei durch eine entlegene Gegend der Insel laufen und beteiligen sich gar nicht am Battle.