Los Angeles im Sommer 2018. Eine Frau betritt die Bühne der Electronic Entertainment Expo und ist sichtlich aufgeregt. Die E3 ist der wichtigste Termin im Videospielejahr, hier stellen die großen Studios die Titel vor, von denen sie sich in den kommenden Monaten die meiste Presse, die höchsten Absatzzahlen erhoffen. Die Präsentationen der Entwickler verfolgen Millionen Menschen auf der ganzen Welt per Livestream. Cornelia Geppert ist aus Berlin nach Los Angeles gekommen, um ihr Spiel Sea of Solitude vorzustellen. Die Hauptfigur ist eine junge Frau, die unter Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit leidet und deshalb mit Monstern kämpft – mit inneren Ungeheuern, die zu äußeren werden. Kein Spiel für den Mainstreamerfolg, dafür aber die Aufarbeitung eines persönlichen Traumas. Damit schaffte es Sea of Solitude sogar in die New York Times.

Dass sich die internationale Presse mit einem Videospiel aus Deutschland beschäftigt, kommt ansonsten eher selten vor. Die Produktion spielt selbst auf dem heimischen Markt kaum eine Rolle.

Von den 3,1 Milliarden Euro, die 2018 in Deutschland mit dem Verkauf von Videospielen umgesetzt wurden, wurden laut des Jahresreports der deutschen Gamesbranche nur 135 Millionen Euro für Spiele ausgegeben, die auch hier entwickelt wurden. Zwar gibt es auch hierzulande einige große Studios. So eröffnete 2018 der französische Branchenriese Ubisoft ein Büro in Berlin und kündigte an, bis 2020 150 Stellen besetzen zu wollen. Der Großteil der heimischen Entwicklerszene besteht aber aus kleinen Unternehmen, sogenannten Indiestudios, deren Mitarbeiterzahlen sich häufig im einstelligen Bereich bewegen. Großproduktionen, bei denen mehrere Hundert Personen über Jahre an einem Titel arbeiten, dessen Entwicklungskosten schon mal 100 Millionen Euro überschreiten, können diese Studios natürlich nicht stemmen. Um international konkurrenzfähige Produkte zu entwickeln, braucht es jedoch solche großen Studios, die bereit sind, enorme Summen zu investieren. Nur hatten die bisher wenig Anreiz, sich in Deutschland niederzulassen.

Mehr Geld, wenig Fachwissen

Branchenvertreter und Interessenverbände machen dafür die mangelnde öffentliche Förderung verantwortlich. Denn während Länder wie Großbritannien oder Frankreich schon seit Jahren die Entwicklung von Videospielen subventionieren und 30-prozentige Steuernachlässe für Spielentwickler in Kanada keine Seltenheit sind, geschah in Deutschland lange nichts. Es gibt zwar regionale Förderungen wie etwa durch das Medienboard Berlin Brandenburg oder den FilmFernsehFonds Bayern. Die Beträge, die diese zur Verfügung stellen, sind allerdings überschaubar.

Das soll sich nun ändern. Im November 2019 beschloss der Bund ein Förderprogramm für die Computerspielbranche. Aus dem Etat des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) sollen bis 2023 jährlich 50 Millionen Euro fließen. Studios können sich mit ihren Projekten um Fördergelder bewerben und so Zuschüsse von bis zu 25 Prozent der Produktionskosten bekommen. Ob dieses Modell wirklich große Entwickler aus dem Ausland nach Deutschland lockt, bleibt abzuwarten. Zumindest könnte damit aber Studios in Deutschland geholfen werden, denen bislang die Mittel für größere Projekte gefehlt haben.

Nach welchen Richtlinien konkret gefördert werden soll, ist bisher noch nicht klar. Bevor die Computerspielförderung vollends in Kraft treten und größere Förderbeträge verteilt werden können, muss die Förderrichtlinie erst von der Europäischen Kommission geprüft werden. Grundsätzlich können nur Projekte gefördert werden, die kulturell wertvoll sind und sich mit Geschichte, Gesellschaft und Kultur des jeweiligen Landes auseinandersetzen und zudem Arbeitsplätze schaffen. Bevor die Computerspielförderung des Bundes von der Europäischen Kommission nicht abschließend geprüft wurde, dürfen nur Förderbeträge unter 200.000 Euro vergeben werden, sogenannte De-minimis-Beihilfen.

Hunderte Anträge auf die De-minimis-Beihilfen sollen inzwischen beim zuständigen Bundesministerium eingegangen sein. Trotzdem wurden bisher erst fünf Prozent der zur Verfügung stehenden Summe ausgegeben. Laut dem Branchenmagazin Games Wirtschaft liege das vor allem daran, dass es beim BMVI, dem Minister Andreas Scheuer vorsteht, an Fachwissen und Kapazitäten fehle. Ein Spieleentwickler, der seit einem halben Jahr auf eine Förderzusage wartet, bezeichnete den Vorgang gegenüber dem Branchenmagazin als "Katastrophe". Das klingt vielleicht sehr dramatisch, aber insbesondere für kleine Studios ist eine gewisse Planungssicherheit überlebenswichtig. Die Angestellten wollen schließlich auch dann schon bezahlt werden, wenn das Unternehmen noch auf Fördergelder wartet.

Aber ist es für das Endprodukt überhaupt wichtig, ob es in Deutschland oder irgendwo anders entwickelt wurde? Für die Leute, die die Spiele schlussendlich kaufen, dürfte es ziemlich egal sein, wo und mit welchem Geld die Games entstanden sind. Viele Spiele werden in der Regel von einem internationalen Team für ein internationales Publikum produziert. In Grand Theft Auto V wird ein Gangster durch Los Santos gejagt, eine fiktive Stadt, die an Los Angeles erinnert – entwickelt wurde das Spiel jedoch größtenteils in Schottland. Die verschneiten Hügel des aktuellsten God of War hingegen entstanden im sonnigen Santa Monica. Nichts davon sieht man den Endprodukten an.