Manche erinnern sich sicherlich noch allzu gern an die spontanen "Mario Kart"-Turniere nach der Schule. Oder die Freitagnächte in "World of Warcraft" mit Freundinnen und Freunden. Diese wohlige Gefühl nennt sich Nostalgie – und es entspringt nicht selten dem Wunsch, unsere Kindheit noch einmal zu erleben, sagt der Medienwissenschaftler Manuel Menke im Interview.

Frage: Herr Menke, wie kamen Sie über Steampunk zum Schwerpunkt Mediennostalgie?

Manuel Menke: Zufällig. Für eine Tagung habe ich ein Präsentationsthema im Bereich Medienwandel gesucht. Die Frage, wie Menschen mit Wandel und technologischem Wandel umgehen, faszinierte mich schon lange und Steampunk war perfekt geeignet. Diese Subkultur befasst sich nostalgisch mit Technologie und versucht, eine Zeit zu rekonstruieren, in der nicht alles digital ist. So ein bisschen steckt im Steampunk auch der Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen über die Technologien, die unseren Alltag bestimmen.

Frage: Gibt es Videospiele, bei denen Sie nostalgisch werden?

Menke: Ich habe mit Freunden früher viel Diablo gespielt. Wenn ich zurückdenke, wird auch immer gleich diese soziale Komponente wachgerufen. Das ist vielleicht das Spannendste an der Nostalgie: Man schaut sich nicht nur Erinnerungen an, die ein Einzelner allein erlebt hat, sondern Dinge, die er mit anderen erlebt hat. Hier entsteht ein besonders intensives Gefühl von Nostalgie, da viel mehr mit einem Spiel verbunden wird als nur das Spiel.

Frage: Zu einem geliebten Film, Spiel oder Buch zurückzukehren, kann auch nach hinten losgehen.

Dinge, für die ich Nostalgie empfinde, können sich ändern, weil sich das Bedürfnis aus der Gegenwart heraus ergibt.
Manuel Menke

Menke: Auf jeden Fall! Diese Ernüchterung erlebt man immer wieder. Wir erinnern uns ja nicht nostalgisch an schlechte Dinge, sondern wir selektieren. In der Forschung wird Erinnerung mittlerweile nicht als etwas betrachtet, das im Gehirn abgespeichert ist und 1:1 abgerufen wird. Wenn ich mich nostalgisch erinnere, erinnere ich mich nicht daran, wie es war, sondern daran, wie ich es gern gehabt hätte. Ich erinnere mich an die guten Gefühle und habe vielleicht manche Dinge vergessen, die mich damals gestört haben. In Filmen und Videospielen kommt der technologische Fortschritt dazu. Ich schaue zurück und merke: Etwas, das damals super aussah, hat heute keinerlei Konkurrenzfähigkeit mehr. Die Frage ist dann immer, ob ich noch einen Zugang zu einer Ästhetik finde, die früher ein Gefühl ausgelöst hat. Dinge, für die ich Nostalgie empfinde, können sich ändern, weil sich das Bedürfnis aus der Gegenwart heraus ergibt.

Frage: Inwiefern ist mit Nostalgie auch der Wunsch verbunden, die Welt wieder durch die Augen eines Kindes zu sehen?

Menke: Die Kindheit ist in der Nostalgieforschung ein wichtiges Thema. Letztlich geht es immer um das Verarbeiten von Umbrüchen. Sobald ich das Gefühl habe, es hat sich etwas fundamental verändert in meinem Leben, meiner Identität oder meiner Weltsicht, dann geht sofort der Blick zurück los. Ich sehe über den Bruch hinweg und versuche herauszufinden, was mir wichtig ist und worauf ich mich verlassen kann. Deswegen können Zwanzigjährige übrigens genauso nostalgisch sein wie Fünfzigjährige. Einerseits schauen wir oft auf eine Zeit zurück, die eine besondere Sicherheit vermittelt hat. In der Kindheit und Jugend haben wir die Welt natürlich noch mit unschuldigen Augen betrachtet. Gleichzeitig war es auch eine Phase von großen Identitätsumbrüchen. Wir erarbeiten uns in dieser Zeit erstmals eine Vorstellung davon, wer wir sind, wir versuchen uns abzugrenzen und wollen zu etwas anderem dazugehören. All diese Prozesse ergeben ein sehr grundständiges Verständnis von uns und unserem Leben und so blicken wir dann insbesondere auf Kindheit und Jugend nostalgisch zurück. Auch unsere Medienerfahrungen, die danach folgen, bauen immer so ein bisschen auf dieser Zeit auf. Gefällt mir ein heutiges Medienprodukt besser oder schlechter als damals? Wie müsste es sein, damit es mir gefällt wie früher?

Frage: Mit zunehmender Medienerfahrung werden Überraschungen seltener.

Menke: Ich glaube, grundsätzlich haben Menschen nichts dagegen, sich gewohnten Dingen zu widmen. Wenn ich jetzt den vierten Film sehe, der nach demselben Muster läuft, finde ich ihn nicht zwangsläufig langweilig. Vielleicht gefällt es mir auch einfach, mich nicht ständig auf Neues einlassen zu müssen. Ich blicke zurück und erkenne, wo sich Kontinuitätslinien befinden. Mache ich Wandelerfahrungen, die mich überfordern, kann ich mich ein wenig in frühere Zeiten flüchten. Die Kulturindustrie zielt natürlich darauf ab, dass sich Menschen nach dem Gewohnten sehnen. Auf der einen Seite ist es angenehm, auf diese Weise berührt zu werden, auf der anderen Seite werden diese Gefühle als Verkaufsargument benutzt.