Es war ein wirklich schöner Sommer in Animal Crossing. Es wurden viele Bäume geschüttelt, Obst gesammelt, Fische gefangen, Sternschnuppen beobachtet, neue Freunde gefunden und alte Freunde verabschiedet. Viele Häuser gebaut, Blumen gepflanzt, Lieder gesungen. Während vor der eigenen Tür eine globale Pandemie tobt, ist die Welt von Animal Crossing sicher. Tödliche Viren und andere Alltagsprobleme müssen draußen bleiben.
Wie kaum ein anderes Videospiel in den vergangenen Jahren ist Animal Crossing: New Horizons zur Definition des virtuellen Zufluchtsortes geworden. In der im März erschienenen Aufbausimulation für Nintendos Spielkonsole Switch baut jede Spielerin und jeder Spieler eine eigene Privatinsel von Grund auf. Es gibt keine Bedrohungen und Katastrophen, keinen Zeitdruck, keine verpflichtenden Aufgaben, keine Gegner. Die größte Herausforderung besteht darin, gelegentlich zu entscheiden, ob und wenn ja welche der tierischen Mitbewohner auf der Insel gehen müssen, um Platz für neue Gesichter zu schaffen. "Fische fangen, Corona vergessen", so könnte man Animal Crossing zusammenfassen.
Jetzt aber wird die friedliche Welt durch umtriebige Politiker gestört, um genauer zu sein: durch Joe Biden. Das Team des demokratischen Präsidentschaftskandidaten hat in dieser Woche virtuelle Wahlkampfschilder erstellt, die sich die Spielerinnen und Spieler von Animal Crossing herunterladen und anschließend auf ihrer Insel platzieren können. "Team Joe" steht dann in den virtuellen Vorgärten, auf Wunsch auch in Regenbogenfarben. Was die Biden-Kampagne als "aufregende, neue Möglichkeit" sieht, um ihre Unterstützer zu vernetzen, wird aus dem gegnerischen Trump-Lager verspottet. Der amtierende US-Präsident trete "in der echten Welt, vor echten Amerikanern" auf, sagte eine Sprecherin. Und nicht in einem Videospiel.
Prompt stellt sich die Frage, wo der Eskapismus aufhört und der politische Alltag anfängt. Muss denn jedes noch so harmlose Spiel instrumentalisiert werden, fragen manche. Denkt denn niemand an die Kinder? Die kurze Antwort: Es geht gar nicht anders. Als Teil des gesellschaftlichen Diskurses sind Games immer so politisch wie die Menschen, die sie spielen und entwickeln.
"Animal Crossing" – eine Dystopie?
Tatsächlich ist Joe Biden nicht der erste, der Animal Crossing dazu nutzt, um Spielerinnen und Spieler für eine gemeinsame Sache zu gewinnen. Schon im Mai besuchte die junge US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez mit ihrer Spielfigur einige Inseln und hinterließ den Besitzern eine persönliche Nachricht (jede Insel in Animal Crossing ist prinzipiell privat; wer andere Spielende auf deren Insel besuchen möchte, benötigt dafür eine Einladung).
Zur gleichen Zeit nutzten die Aktivisten in Hongkong das Spiel, um ihre Forderungen zu verbreiten, was möglicherweise dazu führte, dass Animal Crossing auf chinesischen Switch-Konsolen plötzlich nicht mehr verfügbar war. Im August fand die Black-Lives-Matter-Bewegung ihren Weg auf die Inseln: Einzelne Spieler erstellten Gedenkstätten für die ermordeten Schwarzen George Floyd und Breonna Taylor. Andere erstellten über die Funktion, im Spiel eigene Muster für Klamotten und Tapeten zu erstellen, Kleidung mit den Slogans der Bewegung.
Auch das Spiel selbst ist, wenn man es so sehen möchte, nicht frei von wirtschaftlichen und politischen Realitäten. Spielerinnen und Spieler können ihre Insel nur erweitern, wenn sie das entsprechende Kapital in Form einer Fantasiewährung haben. Schon in den vergangenen Teilen der Serie wurde argumentiert, dass hinter der bunten, friedlichen Welt eigentlich eine kapitalistische Dystopie steckt. Tom Nook, ein putziger Marderhund, der auf jeder Insel den Dorfladen betreibt, wird nicht zuletzt in zahlreichen Memes gerne als raffgieriger Kredithai dargestellt – etwas, das die Entwickler von Nintendo übrigens ganz anders sehen.
Bisweilen überträgt
sich die fiktive Wirtschaft innerhalb des Spiels auch auf die
Realität. Im Mai gab
es die ersten Berichte, wonach einzelne Spielerinnen angeboten
haben, große Mengen der In-Game-Währung, die sogenannten Bells,
gegen echtes Geld zu tauschen, um damit ihre Miete in Zeiten von
Covid-19 zahlen zu können. Auf Marktplätzen wie eBay floriert
der Handel mit Bells bis heute. Die einen schütteln also
virtuelle Bäume, um die heruntergefallenen Früchte zu verkaufen
und sich ihr Haus im echten Leben leisten zu können. Die anderen
kaufen die virtuellen Erträge für echtes Geld, um sich
damit wieder im Spiel ihr Traumhaus bauen zu können, weil sie selbst
keine Bäume schütteln wollen. Der Markt regelt es.
Es war ein wirklich schöner Sommer in Animal Crossing. Es wurden viele Bäume geschüttelt, Obst gesammelt, Fische gefangen, Sternschnuppen beobachtet, neue Freunde gefunden und alte Freunde verabschiedet. Viele Häuser gebaut, Blumen gepflanzt, Lieder gesungen. Während vor der eigenen Tür eine globale Pandemie tobt, ist die Welt von Animal Crossing sicher. Tödliche Viren und andere Alltagsprobleme müssen draußen bleiben.
Wie kaum ein anderes Videospiel in den vergangenen Jahren ist Animal Crossing: New Horizons zur Definition des virtuellen Zufluchtsortes geworden. In der im März erschienenen Aufbausimulation für Nintendos Spielkonsole Switch baut jede Spielerin und jeder Spieler eine eigene Privatinsel von Grund auf. Es gibt keine Bedrohungen und Katastrophen, keinen Zeitdruck, keine verpflichtenden Aufgaben, keine Gegner. Die größte Herausforderung besteht darin, gelegentlich zu entscheiden, ob und wenn ja welche der tierischen Mitbewohner auf der Insel gehen müssen, um Platz für neue Gesichter zu schaffen. "Fische fangen, Corona vergessen", so könnte man Animal Crossing zusammenfassen.