ZEIT ONLINE: Aber es gibt unbestreitbar eine Gruppendynamik, die in der deutschen Wikipedia in eine bestimmte Richtung läuft, oder?

Klempert: Die deutschsprachige Community hat einige Besonderheiten, zumindest wird das immer wieder von Aktiven aus anderen Wikipedia-Communities festgestellt.

ZEIT ONLINE: Welche?

Klempert: Sie hat seit Jahren ein konstantes Artikelwachstum, wogegen andere länger ein exponentielles Wachstum der Texte zeigten. Das heißt, relativ früh existierte hier der Trend, dass die Community ihre Energie lieber in die Verbesserung bestehender Artikel steckt, als in das Neuanlegen. Daher sind auch die Relevanzkriterien etwas härter als in der englischsprachigen Wikipedia. Doch auch dort gibt es hässliche Löschdiskussionen.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir Deutsche das Projekt zu ernst?

Klempert: Was heißt zu ernst? Sicher nimmt die deutschsprachige Community das ernst, was sie da tut. Vielleicht auch ernster als Wikipedianer in anderen Sprachausgaben. Aber ich glaube, auch die deutsche Öffentlichkeit nimmt Wikipedia ernster als andere. Der Ruf, den sie hier genießt, ist besser als in vielen anderen Kulturkreisen.

Mein Eindruck aus sechs Jahren Einblick ist, dass die Community sich sehr viele Gedanken über den Ausgleich zwischen Verlässlichkeit und Offenheit macht. Mit der abschließenden Beantwortung der Relevanzfrage tut sie sich aber schwer. Sie ist schlicht überfordert damit, genau wie die gesamte Gesellschaft überfordert ist – vielleicht weil gar keine Lösung dafür existiert. Relevanz ist ein Prozess. Das belegen ja gerade die Löschdiskussionen.

ZEIT ONLINE: Im Zusammenhang mit der gerade geführten Debatte hat Wikimedia vorgeschlagen, sich im richtigen Leben zu treffen und den Fall zu diskutieren. Ist das der Beginn eines Sinneswandels in der Relevanzdiskussion?

Klempert: Nein, das ist kein Sinneswandel. Es gibt beispielsweise regelmäßig in zunehmend mehr Städten Stammtische, wo sich Autoren und interessierte treffen. Dabei geht es fast immer auch um die Löschpraxis, genau wie bei unseren nationalen und internationalen Treffen.

ZEIT ONLINE: Aber es ist das erste Mal, dass eine Löschdebatte Auge in Auge geführt wird...

Klempert: Meines Wissens ja. Die Verantwortlichen bei Wikimedia sehen sich eben in der Rolle derjenigen, die zwischen Community und Öffentlichkeit vermitteln. Die aktuelle Debatte war zumindest bis Mitte der Woche nicht sonderlich konstruktiv. Ich finde es daher absolut sinnvoll, zu versuchen, die Diskussion auf einer anderen Ebene weiterzuführen. Vielleicht schafft man es ja, ein wenig mehr Verständnis für die jeweils andere Perspektive zu gewinnen. Das kann doch nur nutzen. Ich zumindest hoffe, dass es am Ende für alle Beteiligten eine positive Wirkung hat.

Arne Klempert ist Mitgründer des Vereins Wikimedia Deutschland und Mitglied im neunköpfigen Board of Trustees der Wikimedia Foundation – dem Vorstand der Stiftung, die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte betreibt.