Wenn David Irving einen Veranstalter anruft, um einen Termin für eine Lesung zu buchen, meldet er sich selten mit seinem richtigen Namen. Irving ist Historiker, sein Schwerpunkt der Zweite Weltkrieg. Bekannt gemacht haben ihn aber nicht solide Forschungen, sondern eher Geschichtsfälschungen: So hatte Irving unter anderem die Opferzahlen des Bombenangriffs auf Dresden künstlich in die Höhe getrieben. Zudem trat er mit der These an die Öffentlichkeit, in Auschwitz hätte es nie ein Vernichtungslager gegeben. In Österreich wurde der Holocaust-Leugner zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Spätestens seitdem sind Irvings öffentliche Veranstaltungen Orte des Aufruhrs. Ein Aufruhr, auf den Veranstalter gern verzichten. Deshalb unterliegen Irvings Lesetouren inzwischen der Geheimhaltung. Nur eingeweihte Anhänger wissen, wann und wo ihr Vorbild aus seinen neuen Schriften rezitiert.

Zuletzt meldete jemand eine Irving-Veranstaltung unter dem Namen "Michael Singer" an, um einen Raum bei der Katholischen Kolping-Gesellschaft in New York zu buchen. Allerdings hatte eine Gruppe, die sich selbst "Antifaschistische Hacker" nennt, zuvor den Zugang zu Irvings AOL-Mail-Konto geknackt, einen Teil seiner privaten Korrespondenz im Netz veröffentlicht – und die anstehende Veranstaltung damit zum Platzen gebracht. Denn als herauskam, wer bei ihnen tatsächlich sprechen wollte, hatte die Kolping-Gesellschaft den Termin umgehend abgesagt. Damit erweisen sich die Proteste von virtuellen Antifaschisten mitunter als wirksamer als reale Proteste am Ort des Geschehens.

Im Anschluss an ihren Hack hatten die Angreifer die private Mail-Adresse, Telefonnummer und Adressen von Irving auf der Webseite Wikileaks veröffentlicht sowie alle Daten, Back-ups, Mails und Datenbanken seiner Webseite zerstört. Überdies veröffentlichten sie auch die Namen und Adressen von Personen, die Tickets für die Lesereise bestellt, Irvings Bücher gekauft oder Geld gespendet hatten. Eine "Warnung an all diejenigen, die Leute wie David Irving unterstützen", nannten die Aktivisten ihre Tat. "Wir werden euch auf den Straßen und im Netz bekämpfen, bis ihr auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet seid", schrieben sie.

Zu dem veröffentlichten Mail-Verkehr gehörte auch die interne Debatte, wie man mit jüdischen Gästen, also potenziellen Störern, umgehen wollte. Ihre Karten-Bestellungen waren offensichtlich mit einem deutschen "Achtung" versehen worden, und Irving diskutierte mit anderen über den Vorschlag, sie einfach zu einem falschen Veranstaltungsort zu locken. Außerdem ist auch der Mail-Verkehr zwischen Irving und seiner Assistentin nun öffentlich, die sich über ihre schlechte Behandlung beschwerte. Auch die Bankverbindung von Irvings Vermieter und andere Diskussionen mit seinen Unterstützern wurden öffentlich gemacht.

Irving sagte im Magazin Wired, dass einige der veröffentlichten Einträge frei erfunden seien. "Wir entschuldigen uns bei den vielen Leuten, die sich durch diese jugendlichen Cyberwiderlinge eventuell gestört fühlen. Wir sind verblüfft, dass sie so verängstigt von der historischen Debatte sind."

So edel die Motive der Täter und so groß die Schadenfreude über den bloßgestellten Irving, so umstritten bleibt doch die konkrete Maßnahme der Hacker, und zwar nicht nur unter Irvings Getreuen. Darf Wikileaks, die Webseite, die sich dem anonymen Veröffentlichen von geheimen Dokumenten verschrieben hat, um den Mächtigen auf die Füße zu treten, alles veröffentlichen, unbesehen des Schutzes der Privatsphäre potenzieller Opfer? "Wir haben dazu eine klare Linie", sagt der Wikileaks-Aktivist Daniel Schmitt. "Wir haben einmal beschlossen, einfach alles zu veröffentlichen – vorausgesetzt, es handelt sich dabei um echte Dokumente. Wir wollen nicht selbst über die Relevanz entscheiden müssen", sagt er. Nur so könne die Vertrauenswürdigkeit und Unabhängigkeit der Seite garantiert werden. "Leider ist uns da bislang keine klügere Regel eingefallen", sagt er. Letztlich entschieden dann aber die Nutzer, welche Informationen interessant genug seien, um weiterverbreitet und interpretiert zu werden. Bei einigen Veröffentlichungen habe auch Schmitt schon Bauchschmerzen gehabt, sagt er, bei Irving halte sich sein Unbehagen aber in Grenzen.

Das ist nun aber in der Tat die kritische Frage: Heiligt der Zweck alle Mittel, darf man sich in private Mail-Konten hacken, und wer will entscheiden, aus welchen Gründen das akzeptabel sein soll? Und umgekehrt: Wenn man diese Einbrüche kategorisch ablehnt, wie kann man das fraglos Gemeinwohlförderliche an den Ansätzen von Seiten wie Wikileaks trotzdem erhalten? Vielleicht ließe sich zwischen den Geheimnissen von Institutionen, Verbänden und Unternehmen und den privaten E-Mails von Einzelpersonen unterscheiden. Vielleicht ließe sich eine demokratische Regel finden, wonach darüber abgestimmt wird, ob ein Hack vertretbar ist oder nicht. Wikileaks sagt selbst, dass Vorschläge für transparente Regeln willkommen wären. Dazu gibt es auf ZEIT ONLINE eine Leserdebattediskutieren Sie mit.