Eine Plauderrunde mit Freunden und Bekannten darf man auf Facebook nicht erwarten. Allein in den letzten zweieinhalb Monaten ist eine Gruppe in der Größe eines mittelgroßen Landes dazugestoßen: 50 Millionen Neulinge haben sich in diesem Zeitraum angemeldet, nun zählt Facebook 350 Millionen Mitglieder.

Um hier noch so etwas wie Privatsphäre zu gewährleisten, hat sich das Netzwerk entschlossen, einige größere Veränderungen vorzunehmen und den Nutzer künftig eine Anleitung für seine persönlichen Einstellungen an die Hand zu geben. Weil die Mitglieder häufig extrem empfindlich auf Veränderungen reagieren, hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Schritte sogar persönlich auf der Startseite in einem offenen Brief angekündigt.

In seinen Augen sei es zu einem zunehmenden Problem geworden, dass fast jeder zweite Facebook-Nutzer in einem regionalen Netzwerk organisiert ist, schreibt er. Sie sollen nun abgeschafft werden. Denn diese regionalen Netzwerke umfassen, anders als der Name vermuten lässt, ganze Länder, zum Beispiel China oder Indien. "Daher haben wir beschlossen, dass ihr eure Privatsphäre auf diesem Weg nicht mehr ausreichend kontrollieren könnt", begründet Zuckermann die Entscheidung.

Auch Gemeinschaften für Schulen, Universitäten oder Firmen können schnell beträchtliche Größen erreichen. Die Beschränkung, private Daten nur mit diesen Gruppen zu teilen, (deren Mitglieder man ja zudem nicht selbst gewählt hat), sei also de facto gar keine Unterscheidung mehr, und mache keinen Sinn.

Angekündigt waren Veränderungen bei den Einstellungen schon vor dem Sommer. Facebooks Datenschutz-Chef Chris Kelly äußerte sich dazu in einem Blog-Eintrag mit dem Titel Improving Sharing Through Control, Simplicity and Connection. Hier ist die Stoßrichtung noch deutlicher: Die Leute sollen noch mehr Inhalte teilen. Und man bewegt sie dazu, indem man ihnen im Gegenzug verbesserte Kontrollmöglichkeiten gibt.

Kelly hatte damals angekündigt, dass Nutzer künftig bei jedem einzelnen Eintrag entscheiden können sollen, ob er allen Facebook-Mitgliedern oder nur Freunden oder auch Freunden von Freunden zugänglich sein solle. Damit das nicht in einer Klick-Arie mit zahllosen Fehlermöglichkeiten ausartet, sollten die Einstellungen übersichtlicher werden.

Fraglich ist indes, ob es in Zukunft auch einen Ersatz für die Gruppen-Einstellung geben wird, so dass man Informationen gezielt nur bestimmten Freunden zukommen lassen kann. Viele Nutzer wünschen sich, privaten Daten mit engen Freunden, nicht aber mit "zwangsbefreundeten" Kollegen, alten Klassenkameraden oder Ex-Beziehungen zu teilen. Auf der anderen Seite werden sich einige Ex-Partner oder Eltern von Minderjährigen ärgern, wenn sie plötzlich ihrer heimlichen Überwachungsmöglichkeit beraubt werden, weil sie vom Mitglied von bestimmten Inhalten ausgeschlossen werden. Derzeit können sich Facebook-Nutzer nur vor Schnüfflern schützen, indem sie diese aus ihren Kontakten komplett entfernen.

Das Gruppen-Blog TechCrunch fragt sich, warum es so lange gedauert hat, bis die Maßnahmen in die Tat umgesetzt wurden, und ob das technische oder organisatorische Gründe hatte. Die Blogger vermuten, dass sich Facebook mit den Entscheidungen schwer getan habe, weil hier Weichen für die Zukunft gestellt würden: Auf der einen Seite möchte man einen noch reichhaltigeren, möglichst alle Mitglieder umfassenden Informationsfluss erzeugen. Nur so kann das Unternehmen mit den Echt-Zeit-Suchen wie bei Twitter mithalten. Auf der anderen Seite steht diesem Vorhaben die Einsicht entgegen, dass ein ungefilterter Informationsfluss in sozialen Netzwerken nur begrenzt funktionieren kann. "Da Facebook als privates Netzwerk gestartet ist, könnte es in einem Fiasko enden, wenn die Nutzer mehr private Daten teilen als sie eigentlich möchten", schreiben die Blogger. TechCrunch vermutet, dass sich Facebook zwischen twitterartiger Echtzeit-Suche und dem Schutz der Privatsphäre entscheiden musste – und sich nun für die Privatsphäre entschieden hat.

Ein Gutes hat das Ganze: Indem man die Nutzer in den nächsten Wochen dazu auffordern will, ihre persönlichen Einstellungen zu überprüfen, bringt man viele dazu, sich überhaupt wieder Gedanken über ihre Privatsphäre zu machen. Damit lassen sich vielleicht Unglücke vermeiden, wie sie jüngst eine 29-jährige Kanadierin ereilte: Die Frau hatte Urlaubs- und Partyfotos von sich auf Facebook veröffentlicht. Diese Fotos hatte leider auch ein Mitarbeiter ihrer Krankenversicherung gesehen. Die Kasse hatte ihr daraufhin die Unterstützung gestrichen. Die Frau war eigentlich wegen einer starken Depression für ein Jahr krankgeschrieben und nun war die Krankenkasse der Meinung: Wer feiern kann, ist auch in der Lage zu arbeiten.