Die Differenzen sind für viele allerdings erst bei direktem Kontakt spürbar. Paradigmatisch war die Eröffnung des 23. Kongresses des Chaos Computer Clubs durch John Perry Barlow. Dieser hielt den (deutschen) Hackern vor, sie würden Kreditkartenbetrüger und Virenschreiber zu Helden in einem unberechtigten politischen Kampf gegen den Kapitalismus erhöhen. Außerdem wollte er die deutsche Community als freiwillige Verteidiger der freien Märkte verpflichten. Das Publikum war nicht begeistert.

Aber auch an anderen Stellen hat die Freiheit der Information zu Deutungsschwierigkeiten geführt. Die Verklärung illegalen Filesharings zur digitalen Kulturrevolution kann hier angeführt werden. Vordergründig gibt es eine Zuständigkeit: Wissen ist in kulturellen Gütern kodifiziert und muss daher auch in Medien wie Film und Musik frei zur Verfügung stehen. Das allerdings war bereits vor illegalem Filesharing unstrittig. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, eingeschlossen das Fernsehen, gehört in Europa zur Grundversorgung. Selbst privates Fernsehen steht jedem zur Verfügung.

Warum gibt es also die Forderungen nach der Legalisierung illegaler Downloads? Die solideren Anteile vorhandener Begründungen stützen sich auf drei Einschätzungen. Erstens wird die Qualität der medialen Grundversorgung dahingehend als mangelhaft eingestuft, dass neue Filme und eine vollständig eigene Auswahl zu bezahlen sind. Zweitens wird angeführt, dass das digitale Kopieren außer Speicherplatz und Strom keine Ressourcen braucht, also niemandem Eigentum wegnehmen kann. Bleibt schließlich das Problem der Entlohnung der Produzenten. Hier halten es die Befürworter – drittens – für gerecht, wenn diese auf Basis des Interesses der Mehrheit zu einer Form von Grundeinkommen gezwungen werden.

Diese Einschätzungen sind sämtlich schwierig. Zuerst ist unklar, warum sich die Hackergemeinschaft als zuständig empfindet. Das Grundverlangen nach finanziell uneingeschränktem Zugang zu medialen Gütern hat mit einer freien Informationsgesellschaft nichts zu tun. Hier wird eine bequeme und eine gratis Informationsgesellschaft gefordert. Richard Stallmann hat diesen Punkt bereits in Debatten um Freie Software klargemacht. Freie Software ist frei, wenn sie das in ihr eingebundene Fachwissen offenlegt. Ein Anliegen, das sich stringent aus der Hackerethik ergibt. Sie muss aber nicht umsonst sein. Stallmanns berühmtes Zitat macht es deutlich: "Free as in free speech, not as in free beer."

Die anderen Argumente sind schlicht nicht haltbar. Dass mit der Irrelevanz von Ressourcen kein Diebstahl existieren kann ist falsch. Marx kann rezitiert werden. Produkte bestehen aus Arbeit, nicht aus Ressourcen. Diebstahl stiehlt also nicht Dinge, sondern Arbeit. Das Kopieren von Produkten verhindert die Entlohnung von Arbeit, entspricht folglich einem Diebstahl. In diesem Licht muss auch die Rede vom geistigen Eigentum gesehen werden. Geistiges Eigentum soll nicht Materie vorgaukeln, wo keine Materie existiert. Sie dient als Korrelat der Entlohnung von Arbeit. Ein Unterargument lautet noch, dass nur der Mehrwert der Industrie gestohlen würde und dass das einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit darstelle. Das ist aber erstens ebenfalls falsch, da natürlich nicht nur der Mehrwert, sondern auch der Wert gestohlen wird. Zweitens wird es kein gutes Ende nehmen, wenn man implizit das politische Prinzip etabliert, dass Unrecht mit Unrecht bekämpft werden soll.

Selbstredend falsch ist auch der Eindruck, es sei gerecht, wenn eine Mehrheit eine Minderheit von einem sonst gesamtgesellschaftlich gültigen Arbeitsprinzip ausschließt. Mit den Worten des Philosophen John Rawls gesagt: Es können nur solche Prinzipien als gerecht gelten, denen jeder auch unter völliger Unkenntnis seiner eigenen Position in der Gesellschaft zustimmt. Für eine derartige Zustimmung fehlen jedoch die Indikatoren. Es gibt eine deutliche Opposition seitens der Kulturindustrie. Das Thema wird nicht von der Mitte der Gesellschaft aufgegriffen. Und schließlich zeigen sogar die Betreiber der Legalisierung auf eine von ihnen unbemerkte Weise selbst keine Bereitschaft. Denn die Meinungsführer der Debatte sind Programmierer und IT-Berater, deren Produkte Software und Beratung ebenfalls ressourcenfrei kopierbare Wissensgüter sind, die alle gerne umsonst zu ihrer freien Verfügung hätten. Von einem Willen zur Arbeit auf der Basis von Grundeinkommen fehlt dort jedoch jede Spur.

Das Thema illegales Filesharing ist ideologisch defizitär. Es ist einerseits unklar, warum es überhaupt aufgenommen wurde, andererseits ist es ist aufgrund der Fehlerhaftigkeit und Einseitigkeit der Argumente unglaubwürdig. In Bezug auf die freie Informationsgesellschaft gibt es sogar einen deutlich realistischeren negativen Zusammenhang. Denn Medienindustrie und Staat stehen keineswegs ohne technische Möglichkeiten der Lösung des Problems da. Vielerorts wird zur Bekämpfung illegalen Filesharings eine intensive Überwachung des Internets implementiert. Realpolitisch gesehen schadet die Verteidigung illegaler Downloads der freien Informationsgesellschaft also weit mehr als dass sie ihr nützt.