ZEIT ONLINE: Herr Berger, Amazon und Apple sind gut im Geschäft mit dem digitalen Verkauf von Musiksongs und Dienste wie Last.fm haben längst viele Anhänger. Auf MySpace Music dagegen wartet man schon eine Weile. Weshalb kommt der neue Kanal so viel später?

Joel Berger: Das liegt zum einen an technischen Dingen. Es dauert dann doch eine Weile, bis man eine Plattform angepasst hat. Zum anderen ist es eine Rechtefrage. Wir müssen mit den Copyright-Gesellschaften sprechen. Konkurrent Spotify aus Schweden hat gemeldet, dass sie in Deutschland erst einmal nicht an den Start gehen, wegen Unstimmigkeiten mit der GEMA. Insofern werden wir immer noch der Erste sein, auch wenn es mir sicher lieber gewesen wäre, wenn es schneller gegangen wäre. Wir sind dennoch nicht der Meinung, zu spät zu kommen, oder denken, dass uns jetzt irgendwas wegläuft.

ZEIT ONLINE: Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

Joel Berger: Im Mittelpunkt steht das Free-Streaming von Songs, das durch Werbung finanziert wird. Eine Album-Premiere wird also gesponsert oder nach einer bestimmten Anzahl von Tracks folgt ein Werbespot. Für den Konsumenten bleibt alles kostenlos. Darüber hinaus hat jeder User die Möglichkeit, sich bestimmte Dinge über einen Button direkt auf der MySpace-Seite des Künstlers zu kaufen, also die Single, das komplette Album, einen Klingelton oder andere Produkte. Wie die Balance zwischen Streaming und E-Commerce aussieht, das wissen wir momentan selbst noch nicht, aber der Künstler erhält selbstverständlich seinen Teil vom Kuchen. Ich bin überzeugt, dass es für die Labels wie auch für die Künstler eine lohnende Geschichte wird.

ZEIT ONLINE: Vergrault man sich mit Werbung nicht die User? Man denke nur mal ans Fernsehen …

Joel Berger: Das glaube ich nicht – wenn sie gut gemacht ist. Die Werbung muss natürlich in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen. Sie darf nicht stören, nicht belästigen. Und ich finde, wir haben gute Werbeformate entwickelt, die dies nicht tun und trotzdem einen nachhaltigen Effekt der Marke hinterlassen.

ZEIT ONLINE: Anfangs hatte MySpace ja eigentlich einen eher alternativen Touch, davon scheint jetzt immer weniger übrig zu bleiben.

Joel Berger: Na ja, wir müssen ja auch von etwas leben. Im Moment sind wir zu einhundert Prozent von Werbung finanziert und wollen vom User kein Geld, es sei denn für Downloads. Wir müssen uns einfach überlegen, wie wir uns refinanzieren können, ohne dabei alle zu verschrecken. Und ich glaube, da haben wir einen ganz guten Mittelweg gefunden.

ZEIT ONLINE: Trotzdem werden einige ganz schön meckern, oder?

Joel Berger: Mit Sicherheit. Das ist so, damit müssen wir leben.

ZEIT ONLINE: Mit MySpace Music können die User eigene Playlists erstellen und diese an Freunde weitergeben. Zudem rücken Künstler und Fans näher zusammen. Inwiefern ist da noch der Job eines Musikkritikers von Bedeutung?

Joel Berger: Das ist schwer zu beantworten. Auf jeden Fall ist es von der Zielgruppe abhängig. Die Frage "Hören Sie gern Musik?" würden wahrscheinlich 95 Prozent der Bevölkerung bejahen. Doch wie viele davon lesen die Spex? Nur wenige. Also das heißt, für den Spex-Leser werden Kritiken und Meinungen immer wichtig sein. Anderen ist es wahrscheinlich nur wichtig zu sehen, welchen Track der Kumpel gut findet. Von dem weiß ich, dass er die Spex liest. Im Grunde werden sich dadurch Spezialisten herausbilden, sozusagen Musikredakteure light – so ähnlich wie im Fall der MTV-Playlist früher, die ja auch ein Indikator war dafür, was gerade angesagt ist.