Natürlich gibt es gute Gründe, ein Album im Ganzen anzuhören. Am wichtigsten ist mir der Spannungsbogen. Zeigen doch verschiedene Lebensbereiche, dass man nicht pausenlos von einem Höhepunkt zum nächsten schreiten kann.

Aber ich fühle mich mündig genug, darüber selbst zu entscheiden. Und ich würde das sogar den meisten meiner Mitmenschen zubilligen.

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Ich verwahre mich nicht nur dagegen, mir von einem Künstler diktieren zu lassen, dass ich beim Musikhören eine Hose tragen muss. Ich möchte mir auch den Teil aus seinem Album heraussuchen dürfen, der mir gefällt. Warum soll ich für zehn Minuten Gitarren-Solo bezahlen, wenn ich davon Kopfschmerzen bekomme? Das mag der Musikindustrie und den Künstlern nicht gefallen, aber ich kaufe genauso wenig ganze Alben, wie ich mich in Romanen durch jede Naturbeschreibung quäle. Ich folge weder bei Ikea noch in Kunstausstellungen dem Richtungspfeil. Das schränkt mich genauso ein, als wenn ich Spaghetti im Supermarkt nur mit der passenden Soße kaufen dürfte. Sicher glaubt auch der Nudelhersteller, dass Ketchup den Geschmack seines Hartweizens verdirbt.

Ich bin gewohnt, mir meine Nudelsoßen und Musikmischungen selbst zu bereiten: Hip-Hop landet da neben Country und Elektro in einer Wiedergabeliste. Mein ganzer Medienkonsum ist zu einem einzigen Mash-up geworden, ich lese mich durch die Blogs wie Helene Hegemann, und ich bin diejenige, die mixt und auswählt. Ob es mich unglücklich macht, wenn ich darauf verzichte, auch die schwächeren Phasen eines Albums zu durchmessen wie das Tal der Tränen? Ob ich dadurch langsam gefühllos und dumm werde? Und unersättlich nach immer mehr rufe, nach dem ultimativen Kick, während sich die armen Musiker schon jetzt die Finger wund produzieren?

Das ist ja meine eigene Entscheidung, zum Glück. Ich kann ja das ganze Album herunterladen, nur zwingt mich dank der Erfindung des MP3-Formats keiner mehr dazu.

Etwas ganz anderes ist das Dosenkonzentrat, das manche Radiosendungen ihren Hörern in Form von Opernschnipseln und Dauer-Allegretti anbieten. Natürlich ist das grässlich. Und der Hörer kann eben dann nicht mehr entscheiden, ob er lieber doch vom ganzen Werk erführe.

Vielleicht ist das nicht mehr als private Empirie: Aber ich habe gute Erfahrungen gemacht mit Menschen, die sich selbst nicht so wichtig nehmen. Das gilt auch für Künstler.

Vor dem 18. Jahrhundert war das übrigens ganz normal. Da ging man auf Konzerte wie auf den Jahrmarkt, schlug sich nebenan den Bauch voll, lachte laut mit der Frau Gemahlin und rülpste zufrieden. Dass sich ehrfürchtiges Erstarren und Obrigkeitsdenken bis in die Popmusik ausgedehnt haben, ist eine indirekte Folge der Romantik, die das Genie überhöhte und vorgab, Kunstwerke wären unantastbar. Dieses Denken war historisch wichtig, ging einher mit dem Sieg des Bürgertums, führt aber heute auch dazu, dass jedes Fünf-Sekunden-Zitat geeignet ist, den vermeintlichen Raubkopierer zu einer Millionenstrafe zu verurteilen.

Find ich, ganz respektlos gesagt, einfach bescheuert.