Die Website Wikileaks.org versteht sich als Plattform für interne Kritiker von Firmen und Behörden, die Missstände enthüllen wollen. Jetzt hat die Plattform einen 32 Seiten langen Bericht veröffentlicht, der sich mit Wikileaks selbst befasst.

Das Army Counterintelligence Center (ACIC), der Spionageabwehrdienst der US-Armee, untersucht in dem 2008 verfassten Papier Dokumente zum Irak-Krieg und zum US-Gefangenenlager Guantánamo Bay auf Kuba, die Wikileaks veröffentlicht hatte. Zwar seien die Informationen nicht fehlerfrei – aber offenbar gefährlich: Die Behörde dachte darüber nach, wie sich solche Veröffentlichungen künftig verhindern lassen.

Daniel Schmitt: Das Selbstverständnis von Wikileaks Daniel Schmitt von Wikileaks zu der Frage, was wäre, wenn er nur noch Dokumente zugespielt bekäme, die jemanden outen, die Konkurrenz oder eine gute Sachen beschädigen sollen?

Feindliche Geheimdienste, Streitkräfte und Terroristen könnten auf Basis der auf Wikileaks erschienenen Dokumente "Angriffe gegen US-Einrichtungen innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten planen", heißt es im Bericht. Zudem könnten noch brisantere Interna durchsickern. Könne doch nicht ausgeschlossen werden, dass "Angestellte oder Maulwürfe im Verteidigungsministerium oder anderswo in der US-Regierung Wikileaks.org sensible oder als geheim eingestufte Informationen zur Verfügung stellen".

Die Experten des Geheimdiensts zollen den Wikileaks-Mitarbeitern ein, wie man annehmen darf, zähneknirschendes Lob: Deren technische Fähigkeiten und die Struktur der Website seien so gut, dass ein Abschalten nicht möglich sei. Die Daten lägen stark verschlüsselt auf Servern in Ländern, deren Gesetze sie vor staatlichem Zugriff schützten.

Deshalb empfiehlt das ACIC, Wikileaks auf Umwegen zu schaden. Die Seite nutze "Vertrauen als Gravitationszentrum", indem es die Anonymität der Insider schütze, heißt es im Bericht. Deshalb müsse man diese Whistleblower systematisch an den Pranger stellen, aus ihren Jobs kündigen, straf- und zivilrechtlich belangen, um "dieses Gravitationszentrum zu beschädigen oder zu zerstören und so andere, die Ähnliches planen, vom Gebrauch von Wikileaks abzuhalten".

Bei Wikileaks geht man nonchalant mit der Bedrohung um. In einer Erklärung heißt es: "Zwei Jahre sind vergangen, seit der Report erstellt wurde, und keine einzige Wikileaks-Quelle wurde bloßgestellt – offenbar war der Plan ineffizient." Sonst kommentieren die Macher der Seite den Bericht nicht.

Doch möglicherweise ist das leaken des Reports des ACIC selbst bereits ein Versuch, gegen Wikileaks vorzugehen. Immerhin könnte es eventuellen Informanten Sorgen machen, zu wissen, dass der Spionageabwehrdienst der US-Armee die Seite gründlich beobachtet.

 

Daniel Schmitt von Wikileaks über Privatsphäre Daniel Schmitt von Wikileaks über den schmalen Grat zwischen Transparenz und Privatsphäre

Gefährlich für Wikileaks kann auch der Plan des Geheimdienstes werden, die Glaubwürdigkeit der Plattform zu untergraben, indem man ihr gefälschte Dokumente unterschiebt.

Sunshine Press, der Betreiber von Wikileaks, ist nach eigenen Angaben eine Non-Profit-Organisation. Die Gründer seien chinesische Dissidenten, Journalisten, Mathematiker und Techniker von Startup-Unternehmen aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika. Sie bleiben anonym. Als Sprecher treten unter anderem der australische Programmierer Julian Assange und der Deutsche Daniel Schmitt auf.

Die Informatiker, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten, die hinter Wikileaks stehen, bemühen sich zwar, zugespielte Informationen zu überprüfen – aber es liegt in der Natur der Sache, dass der Inhalt angeblicher interner Papiere sich nur begrenzt verifizieren lässt.

Und das größte Problem für Wikileaks ist der Geldmangel: Die laut Assange derzeit fünf festen Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich, hinzu kommen Hunderte freiwillige Teilzeit-Helfer. Server- und andere laufende Kosten finanzieren sich aus Spenden von Privatleuten. Geld von Unternehmen oder Regierungen nimmt Wikileaks nicht an.

Je beliebter die Seite wird, desto höher steigen die Kosten. Im Dezember 2009 zog Wikileaks die Notbremse. Unter wikileaks.org fand sich nur noch ein Spendenaufruf: "Wir haben Hunderttausende Seiten über korrupte Banken, das US-Gefängnissystem, den Irak-Krieg, China, die Vereinten Nationen und viele andere erhalten, die wir derzeit mangels Ressourcen nicht der Weltöffentlichkeit zugänglich machen können."

Daniel Schmitt: Motivation zur Arbeit für Wikileaks Daniel Schmitt von Wikileaks über seine Tätigkeit

Die Sammelaktion stieß auf Hindernisse. So trug eine Fundraising-Mail an frühere Spender die Adressen aller Empfänger sichtbar im CC-Feld. Die E-Mail wurde als "geleaktes" Dokument an Wikileaks zurückgeschickt – und veröffentlicht, mit der Bemerkung, hier wolle wohl jemand testen, ob Wikileaks unparteiisch sei. Der Online-Geldtransferdienst Paypal sperrte außerdem zeitweise den Wikileaks-Account, weil Identitätsnachweise fehlten.

Inzwischen ist die Seite wieder online, aber nur in begrenztem Umfang. Nach eigenen Angaben braucht Sunshine Press jährlich 600.000 Dollar, um die Arbeit zu sichern. Für 2010 habe man 360.000 Dollar beisammen, heißt es auf der Seite. Bis zu einem Relaunch könne man nun einige "zeitempfindliche" Dokumente veröffentlichen – darunter den ACIC-Report.

"Zeitempfindlich" ist der Bericht in der Tat: Eine bessere Werbung just zur Spenden-Kampagne kann Wikileaks sich kaum wünschen. Den Betreibern war das wohl bewusst, haben sie doch im Gegensatz zur sonstigen Gepflogenheit dieses Mal über einen großen Mailverteiler angekündigt, dass das Geheimdienst-Dokument bei Wikileaks zu finden ist. Bei einigen ihrer Unterstützer hat so viel Eigenwerbung für, so ist zu hören, Verwunderung gesorgt.