Somit dient Twitter als eine Art natürliche Auslese für Nachrichten: Was vielen wichtig erscheint, wird häufig retweetet und verbreitet sich so in Windeseile, wie die Forscher feststellen. Die Mehrzahl der Nachrichten, die User für unwichtig halten, verhallen dagegen fast ungelesen im Strom der Millionen von Tweets, die täglich durch das Netz rauschen. Sie werden ausschließlich bei denjenigen angezeigt, die den Nachrichten Autors direkt abonniert haben.

In der zweiten Studie der Kaist-Universität untersuchten die Forscher Meeyoung Cha, Hamed Haddadi, Fabrício Benevenuto und Krishna Gummadi 1,7 Milliarden Tweets, um besonders einflussreiche Persönlichkeiten ausfindig zu machen. Die wichtigsten Multiplikatoren sind demnach nicht etwa Benutzer wie die Sängerin Britney Spears oder der Schauspieler Ashton Kutcher , die die meisten Abonnenten ( Follower ) besitzen. Es sind vielmehr diejenigen, deren Nachrichten besonders häufig retweetet, also wiederholt werden.

Und das sind vor allem die Kurznachrichten klassischer großer Nachrichtenmedien wie der New York Times , großer amerikanischer Blogs wie der Huffington Post , bekannter US-Technologieblogs wie Techcrunch und Mashable sowie die Schlagzeilen von Nachrichtenseiten wie CNN oder dem Newsaggregator Breaking News wiederholt. Diese sind damit auch besonders einflussreich.

Das Überleben von Informationen durch Wiederholung im Netz ist auch außerhalb von Twitter zu einem Grundpfeiler der Digitalkultur geworden. Besondere Aufmerksamkeit erregten in diesem Zusammenhang sogenannte Imageboards wie das amerikanische Forum 4chan . Dort rauschen Bilder und Texte im Sekundentakt durch, die wenig später nicht mehr zu finden sind, weil sie von neuen Bildern, die von den Usern anonym veröffentlicht werden, verdrängt werden. Nur was von anderen aufgegriffen und somit wieder und wieder veröffentlicht wird, überlebt als Information langfristig. Eingebürgert hat sich dafür der Begriff Mem .

Der von dem Biologen und Oxford-Professor Richard Dawkings popularisierte Begriff geht auf die Idee zurück, dass nicht nur Gene einer Evolution unterworfen sind, sondern auch Informationen. Das Konzept der Meme geht davon aus, dass Gedanken und Ideen ähnlich evolvieren wie Lebewesen. Informationen, die der Umwelt nicht angepasst sind – sprich niemanden finden, der sie für wertvoll genug hält, um sie weiter zu tragen – sterben langfristig aus. Wertvoll ist dabei natürlich ein sehr subjektiver Begriff: Das wohl berühmteste Internet- Mem sind sogenannte Lolcats – Fotos von Katzen mit Sprechblasen, die unbeholfene Sätze in schlechtem Englisch sagen.

Gemessen daran, sind die Meme , die sich auf Twitter durchsetzen, gehaltvolle Kommunikation. Die Analyse der Wissenschaftler zeigt, dass sich dort ähnliche Themen durchsetzen, die auch die klassischen Medien für wichtig halten. So machten die koreanischen Forscher im Untersuchungszeitraum 6. bis 31. Juni 2009 die Unruhen im Iran und verschiedene Themen der amerikanischen Politik als wichtig aus. Kulturpessimisten dürften beruhigt sein.

Der Text erschien im Handelsblatt