"Na ja", sagt Klaus Meier, der Experte für Online-Journalismus. "Man darf die jüngsten Entwicklungen auch nicht überschätzen." So viel habe sich eigentlich nicht geändert. Er fügt jedoch gleich hinzu, dass es dank des Netzes inzwischen immerhin möglich ist, Themen zu setzen – wie etwa in der Diskussion um " Gauck for President ". Das ist, wenn man in die politikwissenschaftliche Theorie guckt, gar nicht so wenig: In der Mediengesellschaft tangiert das sogenannte Agenda Setting bereits den Kern politischer Macht: Entscheiden zu können, worüber überhaupt geredet wird.

Außerdem orientierten sich auch die klassischen Medien vermehrt daran, was Blogger, Twitterer und Facebooker als wichtig erachten. So kann es unter Umständen auch Fachleuten aus dem wissenschaftlichen Bereich, auf die ansonsten niemand aufmerksam geworden wäre, gelingen, in die Mainstream-Presse vorzudringen. Und Menschen, die das Internet nutzen, schauen in der Tat heutzutage zu allererst im Netz, wenn sie sich informieren wollten. Das sei ein neues Muster und eine große Chance für politische Kampagnen, sagt Meier.

Dabei unterscheide sich stark, wie Blogger und Medien mit Themen umgingen, sagt Thomas Pleil von der Hochschule Darmstadt . Eine Studie aus dem Jahr 2008 machte zum Beispiel auf den Unterschied in der Berichterstattung über den Hersteller Mattel aufmerksam, der damals massenhaft Spielzeug zurückrufen musste, weil es mit einem schädlichen Weichmacher verseucht war: Während die traditionellen Medien die Schuldigen eher in den chinesischen Zulieferern sahen, betonten Blogger stärker die Verantwortung des Unternehmens selbst. Außerdem behandeln Blogger Themen häufig emotionaler als das in traditionellen Medien der Fall ist, wie unlängst das Pew Research Center herausfand .

Unternehmen und Politiker stünden dadurch heute viel stärker unter Beobachtung als zu früheren Zeiten, in denen Klagen nur am Stammtisch ausgetauscht werden konnten. Ein Beispiel: Größte Sorge muss BP vor einem anhaltenden Imageverlust haben. Wenn die Konsumenten BP-Produkte konsequent boykottierten, dann würde das den Konzern viel mehr kosten als jede aufwendige Rettungsmaßnahme. "Da kann die Information, dass man in Deutschland nicht bei Aral tanken soll, weil das zu BP gehört, sich im Netz rasend schnell verbreiten und eine starke Bedrohung für den Konzern entfalten", glaubt Meier.

Zwar haben auch die Blogger kaum bessere Möglichkeiten zu recherchieren als die angestellten Journalisten, und auch ihnen fällt es schwer, der Kontrollglucke BP ein paar echte Informationen zu entlocken. Aber wenn zum Beispiel kritische Bilder auftauchen, die BP lieber vermeiden würde, werden sie dank der digitalen Sammelstellen blitzschnell verbreitet. Genauso wie die Informationen über den mangelnden Arbeitsschutz der Säuberungskommandos .