ZEIT ONLINE: Ich habe das Gefühl – auch nach der Rede des Innenministers –, dass in der politischen Debatte immer noch die Angst vor dem Netz und seinen Beteiligungsmöglichkeiten dominiert. Wie ist Ihr Eindruck?

padeluun: Ich sehe eine große Angst vor der Tatsache, dass nun alle Menschen die Möglichkeit haben, zu senden, Angst davor, dass sie das Zeug, was sie im Kopf haben, weitflächig verbreiten können. Diese Angst taucht immer wieder auf, beispielsweise in Worten wie "elektronischer Radiergummi". Mir scheint, dass Politiker sich dadurch in die Ecke getrieben sehen. Im Netz herrscht beispielsweise beim Thema Netzsperrgesetz die Meinung vor, man habe dank der neuen Möglichkeiten ein schlechtes Gesetz verhindert . Ich glaube, in der Politik ist man eher der Ansicht, dass einige Großmäuler dank des Internets ein gutes Gesetz verhindert haben. Es regiert sich eben viel besser, wenn Kritik nicht wirksam verbreitet werden kann. Aber diese Zeit ist vorbei. Das Netz ist die fünfte Macht im Staat.

ZEIT ONLINE: Bei der öffentlichen Sitzung der Enquete-Kommission sagten Sie, sie sähen Bestrebungen, aus dem Medium Internet ein neues Fernsehen zu machen , mit Konsumenten auf der einen und ausgewählten Sendern auf der anderen Seite. Wie kommen Sie zu dieser Sorge?

padeluun: Der Aufbau der Netze in Deutschland folgt genau diesem Schema. Der erste Internetzugang hierzulande hieß BTX. Dort konnten anfangs 1200 Bit pro Sekunde an den Kunden übertragen werden, der aber durfte nur mit 75 Bit pro Sekunden senden. Dieses asynchrone Datenverhältnis haben wir bei DSL nun wieder. Dahinter steht die Haltung, dass Konzerne Waren anbieten und Kunden diese konsumieren. Die Haltung geht gar nicht davon aus, dass Menschen sich wirklich einbringen wollen. Sie geht davon aus, Menschen wollten nur glotzen und sonst nichts.

Dabei ist das Gegenteil der Fall. Es ist doch fantastisch, dass aus lauter politophobischen Menschen inzwischen ein breiter Strom von Interessierten geworden ist , der teilnehmen will und der den Unterschied kennt zwischen einer Verfassungsbeschwerde und einer Onlinepetition und damit auch umgehen kann. Die Menschen machen damit doch genau das, was die Politik immer gefordert hat: Sie beteiligen sich.

ZEIT ONLINE: Sie glauben also, dass das Internet die gesamte Gesellschaft offener und demokratischer machen kann?

padeluun: Ja, weil dank dessen mehr Menschen miteinander reden und ihre Meinungen abgleichen müssen. Und dabei lernen, dass tausend Meinungen toll sind, aber irgendwie koordiniert werden müssen, wenn man letztlich eine Entscheidung fällen muss. Was kann besser sein, für eine abgewogene Entscheidung, als wenn viele senden und mitdiskutieren können?

ZEIT ONLINE: Warum empfängt Politik dann das Netz nicht mit offenen Armen?

padeluun: Es gibt ein großes Beharren in alten Strukturen, die sich bewährt haben. Und ein so großes Schiff wie den Bundestag in eine neue Richtung zu lenken, ist nicht einfach. Aber es ist notwendig. Wenn wir die Möglichkeiten, die das Netz bietet, nutzen wollen, muss sich auch im Bundestag noch viel verändern.

Vielleicht sollten wir auch unsere Regierung umbenennen in eine Koordinierung – damit der Anspruch deutlicher wird, dass die Aufgabe einer Regierung das Moderieren ist. Sie ist dazu da, dass wir unser Leben koordiniert bekommen. Vielleicht sollten wir uns daher von dem Wort regieren verabschieden.

padeluun, mit kleinem p, der nur unter diesem Künstlernamen auftritt, ist Mitgründer des VereinsFoebud, der für Datenschutz kämpft und hat gemeinsam mit der Künstlerin Rena Tangens dieBig Brother Awardsins Leben gerufen .