Da twittert ein Nutzer namens Ftranschel : " Vorhin dachte ich noch, doof, dass kein WM-Spiel ist. Was soll ich sagen, Politik ist zwischendurch auch ok..."

Bundespräsidentenwahl als Lückenbüßer für die WM-Pause. Man darf das als Kompliment begreifen. Zumal für eine Politik, die gerne mal mit dem Wort Verdrossenheit gekoppelt wird.

Soziale Netzwerke und Liveblogs tragen nicht unerheblich dazu bei, dass die Bundespräsidentenwahl zu einem spannenden, sozialen Ereignis wurde. Zum einen erzeugen Echtzeit-Medien das Gefühl, besonders dicht am Geschehen zu sein. Und ob unter dem Hashtag #Gauck auf Twitter , oder auf der Facebook-Seite " Gauck for President " – wer immer mag, kann seine Bemerkungen spontan ins Netz absetzen und gespannt lesen, was andere dazu zu sagen haben. Das macht Spaß, ist sozial, kommunikativ und sowieso besser als allein vor dem Fernseher zu sitzen.

Und gesellschaftlich ist die Botschaft: "Politik kann Spaß machen" ohnehin Gold wert.

Wer die Wahl des Bundespräsidenten auf Twitter und Facebook verfolgt, bekommt zudem den Eindruck, dass sich hier eine ganz erstaunliche Bandbreite unterschiedlichster Menschen und Milieus beteiligt. Von den überprofessionellen und manchmal etwas peinlichen Politikertweets , ( EvaHoegl " Wir kennen das Ergebnis noch nicht! #genervt von gerüchten " zum Beispiel) über lateinische Sinnsprüche ("tertium non datur") bis hin zu einem etwas simpler gestrickten " Jonas Jakat : geil 2 wahlgang" variieren hier die Klangfarben. Auch das ein nicht zu unterschätzender, weil sozial verbindender Aspekt der Netzbeteiligung.

Die soziale Bedeutung ist also groß. Das heißt nicht, dass dem Netz deshalb schon politische Entscheidungsmacht zukäme, – auch wenn viele Netzkampagneros sich das so wünschen mögen. Die Wahlmänner sind ihnen natürlich nicht zu Gehorsam verpflichtet. Die Empörung darüber fällt überwiegend engagiert bis rührend aus, in seiner moralischen Überzeugung allerdings auch manchmal ein wenig besserwisserisch bis unangenehm.

Satzfetisch twittert: "Das Volk will ganz klar #Gauck. UND DAS #VOLK IS #CHEF!" Bitmuncher meint: "Das Volk will #Gauck die Regierung wählt #Wulff. Wetten? Wäre ja mal ganz was Neues, wenn die Volksvertreter das Volk vertreten würden."

Allerdings ist es um das Demokratie-Verständnis der meisten Sozialen Netzwerker nicht allzu schlecht bestellt. Ein fatalistisches Urteil wie von Ziegelei: "Ich habe es einmal gesagt und sage es wieder: Demokratie funktioniert einfach nicht", gehört da schon zu den Ausnahmen. Radikale Schlussfolgerungen bleiben bislang aus. Die Debatte kennzeichnet lediglich das bekannte, populäre Missverständnis: Dass mehr direkte Demokratie zwangsläufig zu besseren Ergebnissen führe. Idealtypisch dafür die Haltung der Piratenpartei: Bastianhaas etwa tippte: "#Gauck ist schon deshalb besser, weil ihn die eindeutige Mehrheit der Bürger will. Daher -> Direktwahl einführen."