" Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein ." Oder: "Die Anzeige der Waage ist wichtiger als alles andere." – Das sind die Merksätze von sogenannten Pro-Ana-Anhängerinnen. Pro-Ana heißt: Pro Anorexie, für Magersucht. Klingt ein bisschen wie: "Magersucht ist toll" und "Der richtige Lifestyle für den jungen Menschen von heute".

Als Politiker und Pädagogen diese Seiten vor ein paar Jahren im Netz entdeckten , meistens alarmiert durch kritische Medienberichte, reagierten sie schockiert. Natürlich war sofort der Wunsch da, etwas zu unternehmen. Die Mädchen sollten einander doch nicht gegenseitig in die Magersucht treiben. Anorexie ist die psychische Krankheit mit der höchsten Sterberate. Die Initiative jugendschutz.net beschloss, die Seiten aktiv zu bekämpfen und aus dem Netz zu löschen.

Doch gut gemeint ist manchmal tatsächlich das Gegenteil von gut. Die Zahl der Portale, die Magersucht propagieren, nimmt seit Beginn der Restriktionen eher zu als ab. "Ich halte nichts von Löschungen", sagt deshalb die Kölner Psychologin Christiane Eichenberg. "Denn nach jeder Schließung suchen sich die Betreiberinnen und Nutzerinnen einen neuen Platz im Web – das Angebot wird also nicht wirklich geschlossen, sondern zieht lediglich um." Eichenberg hat gerade eine aktuelle Studie zu Pro-Ana-Nutzerinnen gemacht. Nutzerinnen ist dabei übrigens fast richtig, unter den 220 Studien-Teilnehmern befanden sich gerade mal fünf Männer.

Dass der Kampf gegen Pro-Ana im Netz etwas von Don Quichottes Feldzug gegen Windmühlen hat, muss auch jugendschutz.net zugeben. Selbst wenn im aktuellen Bericht zunächst positiv vermerkt wird, es sei in 94 Prozent der Fälle gelungen, derartige Netzangebote zu beseitigen. Gleichzeitig ist aber laut dem Bericht die Zahl der Portale im Vergleich zu 2008 um 31 Prozent gewachsen. 328 deutschsprachige Portale gibt es heute.

Der Bericht hält überdies fest, dass sich die Maßnahmen gegen Pro-Ana-Inhalte in der Szene herumgesprochen hätten. "Um nicht so einfach entdeckt zu werden, werden Zweitprofile mit positiven Bezeichnungen wie 'Stay Strong' angelegt oder typische Inhalte versteckt." Was im Zweifel heißt: Heute kommt man noch schlechter an die Betroffenen heran als früher. Eichenberg bestätigt, wie wichtig den Teilnehmerinnen die soziale Exklusivität sei. Bei zwei Dritteln wisse niemand aus dem "realen" Umfeld von ihren Pro-Ana-Aktivitäten. "Jugendlichen ist es extrem wichtig, unter sich zu sein", sagt Eichenberg. "Das ist für diese Entwicklungsphase einfach typisch."

Deshalb hat sich die Psychologin übrigens auch nicht selbst in einem der Foren angemeldet, um die Mädchen dort auszuschnüffeln. "Es wäre mir unethisch vorgekommen, mich mit ausgedachten Angaben dort einzuloggen", sagt die normalgewichtige Wissenschaftlerin.

Viele Foren haben hohe Eintrittshürden. Es gibt zum Beispiel Gruppen, in denen muss man jeden Tag ein Foto von den eigenen Füßen auf der Waage einschicken. Andere haben eine Mindestbeteiligung zur Voraussetzung, erzählt Eichenberg. Ein Posting pro Woche, oder man ist wieder draußen. Eichenberg hat stattdessen die Forenbetreiber darauf hingewiesen, dass sie Mädchen sucht, die ihre Fragebögen ausfüllen und um Vermittlung gebeten.