ZEIT ONLINE: In der vergangenen Woche haben Sympathisanten der Plattform Wikileaks die Websites großer Konzerne lahmgelegt . Sowohl die Aktivisten als auch die Medien benutzten militärische Metaphern – "Attacke" und "Beschuss", "Cyber-Krieg im Internet" und "Datenkrieg". Zurecht?

Sandro Gaycken: Nein, das ist natürlich kein Krieg! Weder juristisch, denn da bedeutet Krieg den Angriff eines Staates auf einen anderen, noch technisch, denn bei einem Cyberwar wären ganz andere Waffen im Spiel. Distributed Denial of Service (DDoS) ist da nicht vergleichbar…

ZEIT ONLINE: …also das massenhafte Aufrufen einer Website mit der Absicht, sie unerreichbar zu machen.

Gaycken: Das ist einfach nur eine Form des digitalen Protests. Auch wenn die Aktivisten sich einer martialischen Sprache bedienen, DDoS ist nichts anderes, als ein Plakat vor eine Website zu halten.

ZEIT ONLINE: Selbst wenn beabsichtigt war, etwas zu zerstören?

Gaycken: Das sind alles Angriffe auf technisch sehr niedrigem Niveau. Die Aktivisten behaupteten zwar, sie hätten auch die Infrastrukturen der Firmen angreifen können – zum Beispiel Server, über die Einkäufe oder der Zahlungsverkehr abgewickelt werden – und aus reiner Rücksicht davon abgesehen. Aber diese Server sind sehr gut gesichert. Ich habe große Zweifel, ob es diesem Typ Angreifer überhaupt möglich ist, dort Schaden anzurichten.

ZEIT ONLINE: War nicht in den letzten Tagen immer wieder von Hacker-Angriffen die Rede?

Gaycken: Auch das ist unangebracht! Die Wikileaks-Unterstützung hat mit Hacking wenig zu tun. Da werden einfach normale technische Funktionen der Webseiten überlastet. Zur Koordination werden vorbereitete Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Man muss sich das nur herunterladen und aktivieren. Richtiges Hacking erfordert mehr.

ZEIT ONLINE: Müsste man unter Hackern aber nicht die natürlichen Sympathisanten vermuten: freies Netz gegen Großkonzerne und Regierungen?

Gaycken: Die Hackerszene differenziert sich schon seit einiger Zeit in viele Subkulturen aus. Diejenigen, die noch in der Lage sind, Hochsicherheitssysteme zu knacken, sind nicht mehr unbedingt die, die auch die diversen Politbüros besetzen. Das sind oft eher Informatikstudenten mit nur mäßigem Wissen vom Hacken, aber starken politischen Agenden.

ZEIT ONLINE: Wo ordnen sie die Wikileaks-Unterstützer in diesem Spektrum ein?

Gaycken: Diese Agenden sind thematisch und ideologisch unterschiedlich. Es gibt etwa eine Filesharing-Community, eine Web-2.0-Community, eine Open-Source-Community. Die Subkultur-Hacker in den USA beispielsweise sind eher rechte Neoliberale, während die gleiche Subkultur in Europa eher grün-links anzusiedeln sind. Die Wikileaks-Proteste kommen vor allem aus dem jungen Spektrum der stark politisierten Teile der Szene.