ZEIT ONLINE: Der Protest gegen die Behinderung von Wikileaks ist also ein symbolischer, politischer Akt von geringer technischer Raffinesse. Alles ganz harmlos also?

Gaycken: In diesem Fall harmlos, in anderen Kontexten kann jedoch auch eine reale Gefahr aus so etwas erwachsen . Klar ist ja, dass agitiert und öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt wird. Geschieht das im Rahmen einer gespannten Atmosphäre und fühlen Staaten und Militärs sich provoziert, können sie konventionell reagieren. So war es schon 2007 in Estland und 2008 in Georgien , wo patriotische Aktivisten DDoS-Aktionen durchführten. Die Schäden blieben zwar gering, sie haben aber zur Eskalation beigetragen: Bürger konnten sich nicht mehr informieren, Regierungen mussten reagieren, die Nato schaltete sich ein.

Politologen diskutieren im Bereich der internationalen Beziehungen bereits, wie man Staaten dazu bringen kann, so etwas nicht als Attacke im klassischen Sinne zu interpretieren.

ZEIT ONLINE: Sie forschen zu Strategien des Cyberwarfare. Mit diesem Begriff konnte noch vor kurzem kaum ein Laie etwas anfangen. Wird er jetzt zweckentfremdet?

Gaycken: Wir hatten ja auch erst vor ein paar Wochen den Fall Stuxnet . Der ist ein gutes Beispiel für das, was Wissenschaftler eigentlich meinen: Ein Angriff mit hohem Aufwand, viel Know-how, gezielt auf großflächige Infrastruktursabotage, und vermutlich stand ein Militär dahinter. Das ist die technische Höhe und auch ein Ziel des Cyberwar, nicht das, was die Wikileaks-Sympathisanten machen.

ZEIT ONLINE: Ist denn die Reaktion der US-Regierung auf Wikileaks Cyberwarfare?

Gaycken: Nein, die Reaktion ist unbeholfen, plump, unprofessionell und ungerechtfertigt. Das illustriert ganz gut, wie hilflos die Amerikaner sind. Ihr Grundproblem ist, dass sie den Abfluss der Informationen nicht kontrollieren konnten.

ZEIT ONLINE: Welche Konsequenzen erwarten Sie für ganz normale Internetnutzer?

Gaycken: Es ist paradox, dass die Wikileaks-Bewegung für mehr Datenfreiheit wohl zu einer stärkeren Regulierung des Internets führen wird. Zwar liefert die technische Struktur des Netzes im Moment noch Anonymität und viele Freiheiten, auch für schädigendes Handeln, aber das lässt sich ändern. Der digitale Geheimnisverrat wird – neben illegalem Datentausch und Internetkriminalität – einen zusätzlichen Impuls dafür liefern.

Nur laufen neunzig Prozent aller Maßnahmen darauf hinaus, dass wir die Privatheit im Internet vergessen können. Denn Sicherheit hieße, immer identifizieren zu können, wer sich wie verhält, wer was geschickt hat. Damit ginge die Freiheit im Medium natürlich verloren. Das wäre sehr bedauerlich.