"Der erste ernst zu nehmende Informationskrieg hat begonnen. Das Schachtfeld ist Wikileaks. Und ihr seid die Soldaten." Mit diesem etwas pathetischen Aufruf fasste der amerikanische Bürgerrechtler und Songtexter John Perry Barlow Anfang September das Gefühl vieler Internet-Nutzer zusammen: Mit den Attacken auf Wikileaks ziele die US-Regierung auf die Freiheit des Internets und müsse daher bekämpft werden.

Das sind keine leeren Drohungen. Diesen und ähnliche Aufrufe nimmt die Internet-Bewegung "Anonymous" beim Wort. Seit mehreren Tagen attackieren die anonymen Aktivisten Websites von Organisationen, die Wikileaks nicht mehr unterstützen wollen.

So mussten MasterCard und VISA dafür büßen, dass sie die Geschäftsbeziehungen mit der Whistleblower-Plattform eingestellt haben, und die schwedische Regierungswebseite war am Donnerstag tot, weil der schwedische Staat ein Verfahren gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange wegen sexueller Belästigung führt.

In einem "Manifest" hat die Gruppe ihre Rechtfertigung für die illegalen Angriffe niedergeschrieben: "Für Anonymous und Millionen anderer Menschen auf der ganzen Welt ist das Internet ein globales Gewissen, ein Werkzeug, das zum Fortschritt der Zivilisation eingesetzt werden soll." Mit ihren Aktionen wollen die Angreifer offensichtlich die Gewissensbisse symbolisieren. Denn "Anonymous" attackiert bisher nur die Webseiten der Organisationen, der Geschäftsverkehr der Finanzdienstleister bleibt unberührt.

Als Waffe von "Anonymous" dient ein Programm namens "Low Orbit Ion Cannon", eine aus dem Weltall feuernde Ionenkanone. Der Name ist aus der Science Fiction entlehnt und hinter ihm verbirgt sich ein relativ einfaches Programm. Wer es auf seinem Rechner installiert, macht sich freiwillig zum Bestandteil eines Botnetzes. Der eigene Computer feuert dabei immer wieder sinnlose Anfragen an eine vorher als Ziel angegebene Seite, sodass deren Server nicht mehr erreichbar ist.

Ein Nutzer allein kann damit nichts ausrichten, doch über Chats oder Twitter können Tausende dieser Programme zentral gesteuert werden. "Wenn ausreichend viele Nutzer das Programm einsetzen, wird es sehr schwer, solchen Angriffen standzuhalten", sagt Jürgen Schmidt, Chefredakteur von Heise Security, ZEIT ONLINE. Die Angriffsmethode nennt sich "Distributed Denial of Service", oder kurz DDoS und ist üblicherweise die Waffe digitaler Betrüger und Spamer. Doch auch als politisches Instrument dient sie immer mal wieder.

Dass ausgerechnet dieses Mittel zum Vorteil von Wikileaks gereichen soll, mutet kurios an. Denn die Whistleblower-Plattform hat selbst immer wieder unter ähnlichen Attacken zu leiden. Interessant ist auch der Aspekt, dass bislang bei dem Begriff Cyberwar immer an militärisch organisierte Attacken von Staaten wie China gedacht wurde oder an die Mafia. "Womit man sicherlich nicht rechnete, waren Angriffe von tausenden IPs von ganz normalen Leuten aus aller Welt", schrieb Leser mtep.