Kibera ist ein mystischer Ort. Eine Millionen Menschen leben Gerüchten zufolge in diesem Slum am Rande der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Medien berichten von Unruhen und katastrophalen Lebensbedingungen. Hilfsgelder verschwinden angeblich wie in einem schwarzen Loch. Und glaubt man Tom Tykwers Film Soul Boy , so werden in Kibera unschuldige Menschen von Hexen verflucht.

Viele Gerüchte und wenig Fakten gibt es zu Nairobis größtem Slum, der einer der größten Afrikas ist. Wer den Stadtteil beispielsweise bei Google Maps sucht, findet nur einen grauen Fleck. Die Bewohner selbst wollen das nun mithilfe von freier Software ändern.

"Man kann keine Planung für ein Gebiet betreiben, um das immer gestritten wird. Niemand weiß, was morgen passiert", sagt Douglas Namale. Er ist Journalist und Herausgeber des Kibera Journal . Der Kenianer berichtet für und aus dem Viertel, das bis vor Kurzem auf keiner Karte verzeichnet war.

Nur wenige Zugangsstraßen führen nach Kibera. Zwischen Nairobi River und einem Golfplatz drängen sich Tausende Hütten dicht an dicht. Die Pfade dazwischen haben keine Namen. Ein Abwassersystem gibt es nicht, genauso wenig wie Krankenhäuser oder Schulen.

Besiedelt wurde das Gebiet schon vor Jahrzehnten, wegen ungeklärter Eigentumsverhältnisse jedoch lange Zeit nicht offiziell anerkannt. Stadtplanung konnte so gar nicht erst betrieben werden, berichtet Douglas Namale, der seit zehn Jahren in Kibera lebt.

Viele, die es auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt zog, landeten in Kibera. Mit der Masse an Zuwanderern verschärften sich nicht nur die hygienischen Zustände. Internationale Hilfsorganisationen kamen, bauten Trinkwasserbrunnen, Krankenstationen und Schulen. Sogar Barack Obama, damals noch Senator , und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon waren schon zu Besuch.

Doch obwohl Unmengen an Entwicklungsgeldern nach Kibera fließen, profitieren die Einwohner selten direkt davon.  

Wasserstellen, Toiletten, Kliniken

Gemeinsam mit anderen Bewohnern wollte Douglas Namale dem Verbleib des Geldes nachgehen. "Wir haben angefangen Kibera zu kartieren, um einen Überblick zu bekommen, wo es schon Hilfsprojekte gibt. Nachdem wir das für eine größere Straße getan hatten, meldeten verschiedene Geberinstitutionen ihr Interesse an. So war es uns möglich eine Karte von ganz Kibera anzulegen."

Ende 2009 wurde Mikel Maron von Openstreetmap auf das Projekt aufmerksam und war sofort bereit, bei der Kartierung zu helfen. Maron und seine Mitstreiter arbeiten an einer freien Geodatenbank, die mittlerweile weltweit genutzt wird. Mithilfe von Marons Know-how wurde die Initiative Map Kibera ins Leben gerufen und Bewohner an GPS-Geräten und Computern trainiert. Dann ging es zu Fuß los, durch das Gewirr von Straßen und Wegen. Gemeinsam zeichneten sie die erste Karte des Slums.

Beim Prix Ars Electronica 2010 wurde Map Kibera als Digital Community ausgezeichnet. "Wir wollten etwas anderes machen und der Community auch Fähigkeiten im Umgang mit Technologien vermitteln. Die Bewohner von Kibera sollen nicht nur die Kartendaten erstellen können, sie sollen auch Kontrolle über diese Daten haben", sagte Mikel Maron dem ORF anlässlich der Preisverleihung.

Inzwischen ist die Siedlung komplett kartiert. Daten und Karte stehen zur freien Verfügung im Internet . Straßen und Plätze, aber auch Wasserstellen, Gemüsegärten und öffentliche Toiletten sind verzeichnet. Die Mitglieder der Initiative hoffen, dass dies die Planung neuer Hilfsprojekte erleichtert.

"Wenn internationale Organisationen hierher kamen, um die Situation der Menschen zu verbessern, hatten sie es schwer", sagt Douglas Namale. "Denn wie soll man Hilfsmittel verteilen, wenn man Kibera nicht kennt und die Straßen nicht einmal Namen haben? Jetzt will auch die Stadtverwaltung mit uns zusammenarbeiten, um Namen zu vergeben."

Auch über die Bewohner liefert Map Kibera endlich glaubhafte Informationen. So ist dank des Projektes bekannt, dass dort nicht über eine Million, sondern höchstens 300.000 Menschen leben. Was immer noch sehr viel ist.

Obwohl die Karte bisher nur im Internet existiert, bekommt das Projekt viel Zuspruch aus der Bevölkerung. "Die Menschen finden unser Projekt gut, denn die Karte macht sie endlich für die Welt sichtbar", sagt Namale stolz. "Viele helfen dabei, die Daten zu sammeln und zu aktualisieren. Sie möchten Teil dieser neuen Entwicklung sein."

Export des Know-hows

Zu tun ist noch immer genug. Kibera verändert sich täglich. Wo heute eine Klinik steht, kann morgen schon ein Friseursalon sein. Mittlerweile beteiligen sich viermal so viele Personen an den Projekten des Map Kibera Trust wie am Anfang.

Dazu gehören auch das Kibera News Network und das Community-Forum Voice of Kibera . Auf die Openstreetmap ist außerdem das Aggregationswerkzeug Ushahidi aufgesetzt, das in Kenia entwickelt wurde. Wer eine Nachricht zu einem bestimmten Ort in Kibera hat, kann diese damit auf der Karte eintragen – so entsteht ein Überblick über wichtige Ereignisse.

Wem das nützt? "Die Zugangsmöglichkeiten zum Internet sind in Kibera immer noch rar", sagt Namale. "Wir haben zwar ein kleines Cyber-Café in unserem Büro, wo die Leute kostenlos ins Internet gehen können, aber das sind nur sechs Computer, viel zu wenig für Tausende von Einwohnern."

Bisher dient die Karte vor allem jenen, die Zugang zum Netz haben – Leuten von außen, die den Slum besuchen, studieren oder Hilfsprojekte organisieren. Namale ist sich dieser Problematik bewusst. In Zukunft, erklärt er, soll die Karte deshalb auch auf Papier gedruckt und an wichtigen Orten in Kibera verteilt werden.

Und die Mapper wollen die Erfahrungen aus Kibera bald im benachbarten Slum Matharé anwenden . Dort und auch in anderen Slums sollen Menschen ausgebildet werden, um ihre informellen Viertel auf Landkarten zu setzen. Denn Kibera ist längst nicht der einzige graue Fleck auf der Google Map.