ZEIT ONLINE: Herr Smith, Sie sind Gründer und Inhaber des Frontline-Clubs , wo Julian Assange sich in letzter Zeit mehrmals versteckte , und sie wollen ihm auch weiter helfen. Wie?

Vaughan Smith: Ich habe ihm angeboten, dass er bei mir wohnen kann und würde ihm damit eine feste Adresse geben, damit das Gericht ihn auf Kaution herauslassen kann. Außerdem würde ich auch einen Teil der Kaution stellen – die ich natürlich verlöre, wenn er untertauchte.

ZEIT ONLINE: Wie viel Geld ist das?

Smith: 20.000 Pfund. Aber ich bin mir sicher genug, dass Julian Assange vor Gericht erscheinen wird. Sonst würde ich ihm das Geld nicht geben.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass er unschuldig ist?

Smith: Ich habe keine Ahnung. Aber er selbst glaubt daran. Er war stets überzeugt, dass die schwedischen Vorwürfe unhaltbar sind . Und er war sich klar darüber, dass es nach einem Schuldeingeständnis aussähe, wenn er nicht auftaucht. Daher war er auch nie ein Flüchtiger, er hat kooperiert, weil er nicht wollte, dass diese Vorwürfe sein Projekt beschädigen. Denn für Julian ist seine Aufgabe sehr viel wichtiger als seine eigene Sicherheit.

Die Presse ist viel mehr Schuld daran, dass hier das Bild eines Mannes gezeichnet wurde, der aussieht wie ein machiavellistischer Internet-bin-Laden, der aus dem Versteck heraus seine Fäden zieht. Das Bild wurde gemalt und ausgeschmückt, weil es so schön ins Klischee passt. Doch mit der Realität hat es nichts zu tun. Als er sich mit den Ermittlern treffen sollte, kam er .

Die Medien missbrauchen Wikileaks als Schild: Sie publizieren die Geschichten und machen damit Quote, zeigen gleichzeitig aber mit dem Finger auf ihn, schreiben über Sexgeschichten und machen ihn zum Bösewicht.

ZEIT ONLINE: Warum engagieren Sie sich so stark in diesem Fall?

Smith: Weil ich ihn kenne und überzeugt bin, dass jeder Gerechtigkeit verdient. Wikileaks ist kontrovers, es spaltet und es gibt auf beiden Seiten der Debatte sehr gute Argumente. Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wo er steht... Ich habe mich entschieden.

Natürlich unterstütze ich das Projekt, weil ich möchte, dass meine vier Kinder in einer liberalen Demokratie aufwachsen. Aber auch aus einem anderen Grund. Nicht jeder Leak ist gut, aber Assange und Wikileaks haben dem Journalismus den größtmöglichen Spiegel vorgehalten. Viele von uns mögen nicht, was sie darin sehen. Aber Wikileaks ist doch nur möglich, weil Journalismus heutzutage so furchtbar ausgewogen und ausbalanciert ist, weil niemand mehr aufsteht und sagt, ich stehe zu diesem Argument oder jenem. Insofern bin ich auch nicht der typische Unterstützer des Projektes.

"Medien machen ihn zum Internet-bin-Laden"

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Smith: Ich bin ein konservativer Liberaler. Ich denke, es ist wichtig, seine Meinung zu sagen und ich denke, dass viele davor Angst haben. Ich bin sehr besorgt über die Reaktionen auf Assange und glaube, das wird auf diejenigen zurückfallen – es wird sich rächen, wie Organisationen wie Mastercard oder Paypal gehandelt haben , die Wikileaks kündigten, aber gleichzeitig Zahlungen des Klu-Klux-Klan dulden.

Es geht um die Idee, darum, wie das Internet unsere Kommunikation und unsere Regierungen herausfordert – und nicht um Wikileaks oder Assange. Wir müssen einen Weg finden, mit Menschen umzugehen, die die Welt verändern. Sie platt zu machen kann es nicht sein, ob man sie mag oder nicht. Vor allem aber müssen wir uns weniger mit einer einzelnen Person auseinandersetzen, sondern mehr mit dem Problem, das sie aufgeworfen hat .

ZEIT ONLINE: Sie glauben also, wir erleben gerade eine Revolution und Wikileaks ist so etwas wie ein Kollateralschaden?

Smith: Wie viele engagierte Menschen in der westlichen Welt glauben wirklich, dass wir gut regiert werden? Es gibt beispielsweise in meinem Land einen sichtbaren Vertrauensverlust. Wir schlagen Studenten und Kindern die Köpfe ein, weil sie demonstrieren; wir haben eine Finanzkrise und ein absurdes Königshaus – es sind schwierige Zeiten, wir brauchen Menschen mit kühlem Kopf. Vor allem aber brauchen wir Menschen, die für ihre Meinung einstehen und sie äußern.

ZEIT ONLINE: Hat Assange je darüber gesprochen, was aus Wikileaks wird, wenn er im Gefängnis ist?

Smith: Ich glaube, dass die Medien unterschätzen, wie die verschiedenen Zeitungen in das Projekt integriert sind. Die Geschichten werden von der Presse ausgesucht, nicht von Julian. Klar, wir können Julian die Schuld geben an diesem oder jenem Leak, aber warum schauen wir uns nicht die Rolle der Medien dabei an?

Ich bin grundsätzlich sehr froh, dass die Zeitungen dabei sind, ohne sie würde es nicht funktionieren. Aber wie sehr profitieren sie davon? Sie haben sich die Taschen voll gestopft. Das ist in Ordnung, es braucht Journalismus, um solche Leaks aufzubereiten. Es steckt viel Journalismus in diesem Projekt, nicht nur Wikileaks.