Das offene Netz ist längst Illusion – Seite 1

Was bleibt hängen vom Protest gegen die Vorverurteilung von Wikileaks? Vielleicht können wir es schon nächste Woche sehen, wenn die ersten Jahresrückblicke im Fernsehen laufen: Anonymous, Chiffre der Aktivisten? Die weiße Maske vielleicht, dem Comic V für Vendetta entlehnt? Sicher bleibt etwas von der Kriegsrhetorik hängen, in den Köpfen wie in den Zeitungsarchiven …

"Cyber-Krieg im Internet", "Datenkrieg" und "Krieg im Netz": Als in der vergangenen Woche eine Schar von Sympathisanten die Websites von Weltkonzernen wie Visa oder Paypal aus Protest gegen die Verfolgung von Wikileaks und Julian Assange mit Anfragen in die Knie zwangen, dominierte martialisches Vokabular den öffentlichen Diskurs. Und erzeugte ein Zerrbild davon, was bei dieser Operation Payback (Vergeltung) passiert ist.

Erhellender ist eine technische Betrachtung: Welche Mittel haben die Akteure beider Seiten eingesetzt? Wer ist überhaupt die Gegenseite zu den Protestlern? Wie werden künftige Konflikte im Netz verlaufen?

Zunächst die Aktivisten, die mit der Ausstattung von Amateuren antraten: Sie luden die Software Ionenkanone (LOIC) auf ihre Privatcomputer und schlossen diese zum digitalen Proteststurm zusammen. " Das ist technisch auf sehr niedrigem Niveau ", sagt Sandro Gaycken, Technikphilosoph und Sicherheitsforscher an der Freien Universität Berlin. "Beim Cyberwar wären ganz andere Waffen im Spiel."

Stuxnet etwa , ein Computervirus, der offenbar auf iranische Atomanlagen zugeschnitten war. Wer so eine digitale Waffe bauen will, braucht Labore, Testgeräte und viel Geld. Der Hamburger Sicherheitsexperte Ralph Langner, der als erster das Herzstück von Stuxnet analysiert hat, sagt: "Hier wurde mit einem Stück Software ein militärisches Ziel angegriffen und physisch etwas kaputt gemacht". Die Operation Payback wirke da eher wie ein Sitzstreik im Netz.

Das gilt auch im Vergleich zur organisierten Kriminalität . Da infizieren etwa Trojaner – im Prinzip Viren mit Fernsteuerung – die Rechner argloser Nutzer. "Nur ein paar Hundert Kriminelle kontrollieren mehr als 100 Millionen Computer", analysierte die Sicherheitsfirma Trend Micro im Herbst 2009. "Sie verfügen über mehr Rechenkraft als alle Supercomputer der Welt zusammen."

Über die sogenannten Botnetze werden Viren und Spam verbreitet, fremde Server gestört oder geknackt – je nachdem, wofür die Auftraggeber zahlen . Auf so etwas müssen sich große Rechenzentren vorbereiten. Auch des Payback-Ansturms wurden ihre Systemadministratoren schließlich Herr. Zwar oft erst nach Stunden, aber ohne dauerhafte Schäden.

Was ist die Reaktion auf Kriminelle und Kriegsszenarien im Internet? In diesem Jahr nahm auf ausdrücklichen Wunsch Barack Obamas das US Cyber Command in Fort Meade bei Washington seinen Dienst auf. Die Militärs veranstalten Übungen, simulieren, wollen künftig mehr Hacker rekrutieren ("Sie müssen nicht notwendigerweise einen Gewaltmarsch überstehen können").

" Natürlich kann man Teile des Internets abschalten ", sagt Richard Clarke, Cyberberater der Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush. Ein entsprechender Gesetzentwurf existiert bereits – für den Ernstfall, wenn Waffen wie Stuxnet oder riesige Botnetze gegen die USA gerichtet würden.

US-Konzerne dominieren das Netz

Aber als Reaktion auf Wikileaks und Payback? Für so etwas sollen andere Mittel her. So stellt das Cyber Command unter dem Stichwort Perfect Citizen an strategisch wichtigen Stellen Lauschposten ins Netz, etwa bei Atomkraftwerken, Banken oder Hightechfirmen – als Frühwarnsystem vor Digitalangriffen. Schon heute pflegt der technische Geheimdienst NSA, der dem selben General untersteht wie das Cyber Command, enge Kontakte zu den Internetkonzernen des Landes.

Netzvisionäre - Netzvisionäre: Evgeni Morozov über E-Democracy Der Blogger Evgeni Morozov aus Weißrussland erklärt im Gespräch mit ZEIT ONLINE-Redakteur Kai Biermann, inwiefern das Internet Demokratie nicht nur befördert.

Über solche Wege könne die Regierung Amazon oder Visa angewiesen haben, Wikileaks zu verbannen, beschreibt der Politologie Evgeny Morozov die Sichtweise der Aktivisten. Belege dafür fehlen bislang. Offiziell hatte die US-Regierung nicht mehr getan, als eine Ermittlung zu den Botschaftsdepeschen einzuleiten. Eine hysterische Stimmung schürten Oppositionspolitiker und konservative Medien . Der parteilose Senator Joseph Lieberman hatte gar persönlich bei Amazon angerufen und den Ausschluss Wikileaks von den Servern gefordert.

Druck von der Regierung? Aus dem politischen Establishment? Die öffentliche Meinung? "Aus Scheu vor dem Markt" hätten die Konzerne "zur Selbstzensur gegriffen", twitterte der Internetpionier J.P. Barlow , "eine Feigheit!".

Welche Annahme legen die Nutzer zugrunde, wenn sie vom freien Netz und Demokratie im Digitalen sprechen? "Es gibt da die Vorstellung, dass Firmen irgendwie in Absprache mit ihren Nutzern handeln sollten, da sie ja eine zivilgesellschaftliche Funktion erfüllen, indem sie es Menschen ermöglichen, sich auszutauschen", sagt Morozov. Er lässt keinen Zweifel daran, wie naiv er es findet, von gewinnorientierten Unternehmen geschäftsschädigendes Verhalten zu erwarten.

"Fast die gesamte Infrastruktur des Internets ist in privater Hand", sagt der Informationswissenschaftler Milton Mueller von der Syracuse Universität, Autor des Buchs Networks and States . "Das an sich ist nicht das Problem, sondern der Grad der Konzentration."

Denn obwohl der Großteil der Infrastruktur des Internet heute von kommerziellen Firmen – ein Teil auch von Behörden und Universitäten – in aller Welt bereitgestellt wird, halten die Amerikaner die Schlüssel in der Hand.

Ableger des Pentagon und US-Firmen mit enger Bindung an die Regierung kontrollieren bis heute die obersten Telefonbücher des Netzes ( root server ). US-Firmen stellen die wichtigsten Infrastrukturtechniken für das Netz. So stammt weltweit der Großteil der Weichen für den Netzbetrieb ( router ) von der kalifornischen Firma Cisco. Und bei Kommunikation und Kommerz im Netz dominieren ebenfalls US-Konzerne – seien es Google, Yahoo oder Microsoft, die Kreditkartengrößen oder das Zahlsystem Paypal, die Händler eBay und Amazon.

"Wenn nur drei oder vier Firmen Wikileaks von den weltweiten Bezahlsystem abschneiden können, sollten wir sehr vorsichtig sein", sagt Mueller. "Hier fließen die Interessen führender Unternehmen und die Macht weniger dominanter Regierungen zusammen."

Lange beschworen Enthusiasten das Credo des Netzpioniers John Gilmore, das Internet interpretiere Zensur als technische Störung und umsteuere sie. Längst muss man davon ausgehen, dass die Herren des Netzes alles zu vermeiden wissen, das einen reibungslosen Geschäftsbetrieb stört.