Aber als Reaktion auf Wikileaks und Payback? Für so etwas sollen andere Mittel her. So stellt das Cyber Command unter dem Stichwort Perfect Citizen an strategisch wichtigen Stellen Lauschposten ins Netz, etwa bei Atomkraftwerken, Banken oder Hightechfirmen – als Frühwarnsystem vor Digitalangriffen. Schon heute pflegt der technische Geheimdienst NSA, der dem selben General untersteht wie das Cyber Command, enge Kontakte zu den Internetkonzernen des Landes.

Netzvisionäre - Netzvisionäre: Evgeni Morozov über E-Democracy Der Blogger Evgeni Morozov aus Weißrussland erklärt im Gespräch mit ZEIT ONLINE-Redakteur Kai Biermann, inwiefern das Internet Demokratie nicht nur befördert.

Über solche Wege könne die Regierung Amazon oder Visa angewiesen haben, Wikileaks zu verbannen, beschreibt der Politologie Evgeny Morozov die Sichtweise der Aktivisten. Belege dafür fehlen bislang. Offiziell hatte die US-Regierung nicht mehr getan, als eine Ermittlung zu den Botschaftsdepeschen einzuleiten. Eine hysterische Stimmung schürten Oppositionspolitiker und konservative Medien . Der parteilose Senator Joseph Lieberman hatte gar persönlich bei Amazon angerufen und den Ausschluss Wikileaks von den Servern gefordert.

Druck von der Regierung? Aus dem politischen Establishment? Die öffentliche Meinung? "Aus Scheu vor dem Markt" hätten die Konzerne "zur Selbstzensur gegriffen", twitterte der Internetpionier J.P. Barlow , "eine Feigheit!".

Welche Annahme legen die Nutzer zugrunde, wenn sie vom freien Netz und Demokratie im Digitalen sprechen? "Es gibt da die Vorstellung, dass Firmen irgendwie in Absprache mit ihren Nutzern handeln sollten, da sie ja eine zivilgesellschaftliche Funktion erfüllen, indem sie es Menschen ermöglichen, sich auszutauschen", sagt Morozov. Er lässt keinen Zweifel daran, wie naiv er es findet, von gewinnorientierten Unternehmen geschäftsschädigendes Verhalten zu erwarten.

"Fast die gesamte Infrastruktur des Internets ist in privater Hand", sagt der Informationswissenschaftler Milton Mueller von der Syracuse Universität, Autor des Buchs Networks and States . "Das an sich ist nicht das Problem, sondern der Grad der Konzentration."

Denn obwohl der Großteil der Infrastruktur des Internet heute von kommerziellen Firmen – ein Teil auch von Behörden und Universitäten – in aller Welt bereitgestellt wird, halten die Amerikaner die Schlüssel in der Hand.

Ableger des Pentagon und US-Firmen mit enger Bindung an die Regierung kontrollieren bis heute die obersten Telefonbücher des Netzes ( root server ). US-Firmen stellen die wichtigsten Infrastrukturtechniken für das Netz. So stammt weltweit der Großteil der Weichen für den Netzbetrieb ( router ) von der kalifornischen Firma Cisco. Und bei Kommunikation und Kommerz im Netz dominieren ebenfalls US-Konzerne – seien es Google, Yahoo oder Microsoft, die Kreditkartengrößen oder das Zahlsystem Paypal, die Händler eBay und Amazon.

"Wenn nur drei oder vier Firmen Wikileaks von den weltweiten Bezahlsystem abschneiden können, sollten wir sehr vorsichtig sein", sagt Mueller. "Hier fließen die Interessen führender Unternehmen und die Macht weniger dominanter Regierungen zusammen."

Lange beschworen Enthusiasten das Credo des Netzpioniers John Gilmore, das Internet interpretiere Zensur als technische Störung und umsteuere sie. Längst muss man davon ausgehen, dass die Herren des Netzes alles zu vermeiden wissen, das einen reibungslosen Geschäftsbetrieb stört.