Ich bin einer von ihnen. Ich bin einer von denen, die das Surfverhalten von Usern im Internet aufzeichnen, Daten sammeln und an andere weitergeben. Meine Firma betreibt mehrere, über ganz Europa verteilte Rechenzentren und steuert die Werbeeinblendungen für mehr als 100 Millionen User in Europa – bis zu 12.000 mal pro Sekunde geben wir die Daten weiter an Systeme, die damit passende Werbung einblenden.

Wir nutzen über Jahre entwickelte statistische Verfahren, um aus den Daten Erkenntnisse abzuleiten. So können unsere Server innerhalb von Millisekunden ermitteln, ob jemand statistisch gesehen eher eine Frau oder ein Mann ist. Wer interessiert sich eher für Geländewagen als für Pampers? Wer würde eher eine Flugreise buchen anstatt eines Sprachkurses?

Derartige Fragen lassen sich heute häufig mit hoher Treffsicherheit beantworten und machen Onlinewerbung für die Industrie attraktiv – so attraktiv, dass inzwischen immer mehr Werbegelder von den klassischen Medien ins Internet umgebucht werden. Aber auch so attraktiv, dass eine Vielzahl von Anwendungen im Internet für Millionen von Usern kostenlos zur Verfügung stehen – weil sie sich über Werbung refinanzieren können.

Uns war von Anfang an bewusst, dass derartige Technologien besondere Vorkehrungen im Datenschutz benötigen und so zeichnen unsere Systeme vieles auch nicht auf, zum Beispiel generell keine personenbeziehbaren oder sensitiven Daten. Ein guter Teil unserer Server ist nur dazu da, potenziell problematische Teile sicher aus der Messung zu filtern und so jeglichen Missbrauch schon bei der Erhebung zu verhindern. Dafür wurden wir mehrfach vom Datenschutz ausgezeichnet. Und wir sind kein Einzelfall – alle relevanten Anbieter für derartige Technologien in Deutschland haben inzwischen ähnliche Vorkehrungen getroffen und investieren in entsprechende Maßnahmen.

Ich finde die aktuelle Debatte über Datenmissbrauch im Internet ärgerlich. Nicht nur, weil ich Teil dieser Industrie bin. Sondern vor allem, weil darin eine gewisse Technologiefeindlichkeit und auch Ignoranz mitschwingt. Es wird der Eindruck einer im halblegalen Bereich operierenden, auf kurzfristige Gewinne ausgerichteten Industrie erweckt, die nur so viele Bedenken kennt, wie Rechtsanwälte und Verbraucherschützer ihr jeweils abtrotzen können.

Technologiefeindlich ist die Sichtweise, weil Tracking sehr nah am Kern dessen operiert, was das Internet so faszinierend und nützlich macht und es bereits jetzt zu einem der stärksten Wachstumsfaktoren in mehreren Wirtschaftsbereichen hat werden lassen.

Ignorant ist die Haltung, weil das Internet uns eine völlig neue Welt eröffnet. In Zukunft werden wir uns mit Menschen in Telefonkonferenzen flüssig unterhalten können, deren Sprache wir nicht sprechen. Wir werden sicher von automatisch gesteuerten Fahrzeugen zur Arbeit gefahren werden, die sich Hunderter Sensor- und Satellitendaten und Daten anderer Fahrzeuge bedienen, um Ihren Weg zu finden. Wir werden mit Computern kommunizieren, lesen und recherchieren, die unsere Vorlieben kennen und im Hintergrund allerlei Dinge für uns erledigen werden.

Werbung finanziert Innovationen

Das Netz wird nicht nur unseren Medienkonsum und die Art wie wir miteinander kommunizieren revolutionieren, sondern ziemlich sicher auch politische Systeme, das Schulsystem, die Universitäten und zahlreiche weitere Lebensbereiche, die wir heute noch gar nicht absehen können.

Das mitdenkende Auto, das automatische Übersetzungssystem und die intelligente Medienanwendung existieren bereits – oder werden mit Heerscharen der besten Ingenieure derzeit entwickelt und verfeinert. Und all dies wird finanziert und häufig auch angetrieben von der Idee, auf intelligentere Art Werbung auszuliefern: wofür das Internet nie dagewesene Möglichkeiten bietet.

Die größten Forschungsetats und die beeindruckendsten Innovationen im Netz werden aus der Werbewirtschaft kommen! Google finanziert sich zu 99 Prozent aus Werbung und hat neben einem revolutionären System der Suche vor allem die Art auf den Kopf gestellt, wie Werbung auf Userinteressen zugeschnitten wird. Aber Google hat auch das oben genannte autonome Auto entwickelt und die Übersetzungsmaschine, die vor wenigen Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Satellitenbilder von jedem Winkel der Erde, die noch vor wenigen Jahren nur der Regierung zur Verfügung standen, können wir heute nutzen, weil ein paar Firmen daran glauben, über lokale Werbung die enormen Kosten wieder einspielen zu können.

All diese Anwendungen beruhen darauf, massenhaft Daten zur Verfügung zu haben und diese mit Hochleistungscomputern auszuwerten. Der Musikdienst beispielsweise fördert damit Bands zutage, die ich selbst nie gefunden hätte – weil ich meinen Musikgeschmack aufzeichnen lasse und die Maschinen diesen mit Millionen von Einträgen in ihrer Datenbank abgleichen. Und wenn ich in einer fremden Stadt abends etwas essen will, finde ich mit traumwandlerischer Sicherheit ein Restaurant, als würde ich seit Jahren um die Ecke wohnen – weil ein Empfehlungsportal Daten von Restaurantbesuchern kennt und diese für mich auswertet.

Immer mehr Umsatz wird über personalisierte Empfehlungen generiert. Viele der künftigen Medienanwendungen werden sich dadurch von "alten" Medien unterscheiden, dass der Inhalt jedem User anders präsentiert wird, sortiert nach Interessen, danach was andere gerade spannend finden und ergänzt durch Artikel, die ein Algorithmus ermittelt hat.

Bald werden wir virtuelle Assistenten haben, die in unserem Auftrag agieren, die Dinge für uns suchen, Einkäufe erledigen und die bei der Pflege unserer sozialen Kontakte behilflich sind. Diese Assistenten werden sogar unsere Befindlichkeit erkennen und sich entsprechend verhalten – weil sie gelernt haben, unsere Tweets, E-Mails und vielleicht unsere Tippgeschwindigkeit dafür auszuwerten.

Zurückdrehen geht nicht, wir müssen es gestalten

Das intelligente Web wird einer der stärksten Wirtschaftsfaktoren der Zukunft sein, Millionen von Menschen faszinieren und Ihr Leben bereichern.

Natürlich ist das eine rosige Sicht der Dinge. Aber sie ist auch nicht ganz falsch, denn die meisten Leute, die an diesen Algorithmen und Computerprogrammen arbeiten, sind schlicht daran interessiert, unser Leben leichter und spannender zu machen, indem sie mehr Relevanz produzieren.


Dennoch, es stecken darin auch viele Gefahren, das dürfen wir nicht verschweigen. Die Maschinen werden mächtig sein und vieles über uns wissen. Es wird immer wieder Fälle unberechtigter Zugriffe auf unsere Daten geben, ob von staatlicher Seite oder von Kriminellen.

Wir werden unseren Kindern beibringen müssen, wie man mit Daten umgeht, was man wem anvertrauen kann, aber auch, wie man die eigene Reputation im Netz aufbaut und in Ordnung hält. Der Umgang mit Daten wird deswegen ebenso zum Schulunterricht der Zukunft gehören wie die Mathematik.

Und wir werden natürlich Grenzen setzen müssen, Kontrolle und Transparenz immer wieder einfordern und zwar permanent und mit Nachdruck. Aber es wird nicht helfen, die Augen zu verschließen. Zurückdrehen lassen sich diese Prozesse nicht – schon allein, weil es so viele Menschen gibt, die die Vorteile des Internets und der Vernetzungsmöglichkeiten nicht mehr missen wollen.

Daher wünsche ich mir eine Diskussion dieser Technologien, gleichgültig ob es um Tracking, Algorithmen oder Social Networks geht, unter dem Aspekt, wie viel sie zu unserer Zukunft beitragen.


Wir Internet-Unternehmer brauchen auch eine Öffentlichkeit, die mithilft, diese Zukunft verantwortlich zu gestalten. Indem sie beispielsweise über die publizistische Verantwortung im Zeitalter intelligenter Empfehlungsalgorithmen diskutiert. Oder über die politische Implikation algorithmengesteuerter Medien.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich kritisch mit diesen Technologien auseinanderzusetzen. Einfach alles in die Schmuddelecke zu stellen, ist zu einfach. Wir müssen uns differenziert mit den Risiken, aber eben auch mit den faszinierenden Möglichkeiten dieser neuen Technologien beschäftigen, denn nur die Konfrontation mit massenhaft aufgeklärten Nutzern kann verhindern, dass diese uns gefährlich werden.