Was von Wikileaks übrig bleibt

Das Bild, das wir von Wikileaks hatten, war falsch. Denn die Organisation hinter der Enthüllungsplattform war immer anders, als wir dachten: kleiner, fragiler, mit zunächst lediglich einem einzigen Server, ein Zwei-Mann-Betrieb, bestehend nur aus Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg. Der Hacker und der Organisator. Der geniale Freigeist und der Sinnsucher. Der machtversessene Paranoiker und der pedantische Ingenieur.

Was sie verband, war ein Traum: "In der Welt, von der wir träumten, hätte es weder Chefs noch Hierarchien gegeben, und niemand hätte seine Macht darauf begründen können, dass er anderen Menschen Wissen vorenthielt, das die Grundlage für gleichberechtigtes Handeln gewesen wäre." So schreibt es Daniel Domscheit-Berg in seinem Buch Inside Wikileaks .

Doch leben konnten sie diesen Traum nicht. Was Assange und Domscheit-Berg auseinandertrieb, war der Streit darum, wer oben und wer unten steht. War der Zwiespalt, welches Wissen sie miteinander teilen und was jeder für sich behalten wollte. War der Konflikt darüber, wer bestimmen sollte, wohin Wikileaks steuert.

2007 trafen sich die beiden. Warum sich Assange Domscheit-Berg als Mitstreiter aussuchte, bleibt auch nach mehr als 300 Seiten unklar. Domscheit-Bergs Antrieb nicht: "All die Jahre über hatte meinem Leben etwas Entscheidendes gefehlt: ein Sinn." Vielleicht auch Wertschätzung, Anerkennung. Denn was ist Domscheit-Berg damals? Ein Software-Ingenieur, ausgebildet in Mannheim, Mitarbeiter von Electronic Data Systems: "50.000 Euro – viel zu wenig für meine Arbeit, aber egal." Zufrieden klingt anders.

Dann kommt Assange und das Abenteuer beginnt. Gemeinsam kämpfen sie für ihr Projekt, ertragen kaum besetzte Stuhlreihen während ihrer Vorträge, pferchen sich ein in Daniels Wohnung in Wiesbaden, Stunde um Stunde nebeneinander hockend, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, sich abmühend mit alter, schwerfällig arbeitender Hardware, nach außen hin das Bild wahrend, sie verträten eine große und geheime Organisation, für die sie in immer neue virtuelle Persönlichkeiten schlüpfen, mal Pressesprecher, mal Rechtsabteilung spielen. Zwei Großsprecher, zwei Illusionskünstler, die der Welt den Eindruck vermitteln, da sei eine neue, unberechenbare Kraft auf den Plan getreten. Und tatsächlich: Informanten werden auf sie aufmerksam, spielen ihnen sensible Daten zu. Wikileaks feiert die ersten Erfolge.

Was dann kommt, kennt man: Die Bär-Bank , Kenia , die Scientology-Handbücher , der Feldjäger-Bericht zum Bombardement von Kundus, das Irak-Video , die amerikanischen Kriegstagebücher aus Afghanistan, die Irak-Akten , die diplomatischen Depeschen . Dazu das Vorhaben, Islands Gesetze so umzuschreiben, dass dort ein sicherer Datenhafen entsteht. Doch auf dem Höhepunkt des Erfolgs bricht alles zusammen. Streit, Misstrauen, Vorwürfe.

Wer ist schuld, wenn Freundschaften zerbrechen, wenn eine Liebe enttäuscht wird? Das lässt sich nie ganz objektiv erzählen, schon gar nicht von jemandem, der selbst beteiligt ist. Und so liegt die Entscheidung beim Leser: Was glaube ich von dem, was Domscheit-Berg berichtet und ZEIT-ONLINE-Redakteurin Tina Klopp für ihn aufgeschrieben hat?

 Die Rache der internen Kritiker

Assange, so lesen wir, kann nicht verwinden, dass es da jemanden neben ihm gibt. Er erträgt es nicht, wenn Domscheit-Berg ebenfalls als Gründer von Wikileaks bezeichnet wird. Sie streiten ums Geld und um Abrechnungsbelege. Assange manipuliert, erzählt Lügen darüber, was andere ihm über Domscheit-Berg berichtet hätten. Schließlich gibt jede Kleinigkeit Anlass zum Streit. Fenster auf oder zu, schlafen oder nicht, pünktlich sein oder zu spät kommen: Passagen wie aus einem Lehrbuch für Eheberater. Domscheit-Berg verfällt stets in die Verteidigungsrolle. Assange wirft ihm vor, er habe nach seinem Umzug nach Berlin den eigenen Namen ans Klingelschild geschrieben: "Gefährlich!" Domscheit-Berg reagiert: "Das hatte ich doch auch schon vorher. Und überhaupt tausche ich alle Schlösser aus." Wer will das wissen?

Aus den jüngsten Wikileaks-Büchern der New York Times , des Guardian und des Spiegels erfuhren wir, dass Julian Assange ein Egozentriker ist, dem es schwer fällt, Regeln einzuhalten und den Anstand zu wahren. Domscheit-Berg erklärt nun, woraus sich Assanges Verhalten speist. Wie er aus dem Studium der Scientology-Handbücher lernt, wie Kult funktioniert und wie man ihn einsetzt. Wie er im Handstreich die ungeklärte Frage löst, wer bei Wikileaks eigentlich die Entscheidungen trifft: er selbst. Wie er sich im Zuge der Afghanistan- und Irak-Veröffentlichungen das militärische Vokabular aneignet: "Du bist suspendiert wegen Illoyalität, Insubordination und Destabilisierung in einer Krisensituation", schreibt Assange an Domscheit-Berg. Wie er sich schließlich hineinsteigert in die Idee, eine insurgent operation zu führen, einen geheimen Aufstand.

All das ist unterhaltend, erhellt manche Unklarheit, führt aber wenig weiter. Bis Domscheit-Berg berichtet, wie sich die Trennung von Assange gestaltete. Denn nicht nur er selbst verlässt Wikileaks. Mit ihm geht der "Architekt". Wer das ist, wird nicht recht erklärt, nur soviel: Er sei Programmierer und habe innerhalb von eineinhalb Jahren aus der anfälligen Wikileaks-Technik ein stabiles Netz gebaut. Das löst er auf, als er die Gruppe verlässt, und verwahrt alle Dokumente, die bis dahin von Informanten eingereicht worden sind – unzugänglich für Assange.

Das ist die Rache der internen Kritiker um Domscheit-Berg: Assange mit der Forderung nach Geheimhaltung zu konfrontieren, welche der Australier stets selbst vor sich her trägt. Denn für sich verwenden wollen die Aussteiger die gesicherten Informationen gar nicht, Wikileaks soll das Material zurückerhalten, wenn es den Schutz der Daten garantieren kann. Doch Domscheit-Berg lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht daran glaubt, das könne der geschrumpften Helferschar Assanges jemals gelingen.

Was bleibt nach der Lektüre von Wikileaks übrig? Der Gedanke, dass man die Welt besser machen kann, indem Missstände öffentlich angeprangert werden und Herrschaftswissen durch Transparenz ersetzt wird. Dieser Gedanke ist schon oft gedacht worden, seit Menschen für Freiheit und Demokratie kämpfen. Wikileaks hatte neue technische Möglichkeiten , diesem Kampf eine weitere Wende zu geben. Seine Protagonisten aber haben sich zwischen Größenwahn und Naivität verfangen. Auf der Strecke bleiben alle mutigen Geheimnisverräter, deren Dokumente nun irgendwo in einem Datengrab schlummern. Wikileaks aber ist wieder das, was es vor drei Jahren war: eine aufregende Idee im Kopf Julian Assanges, ohne Unterbau, ohne Organisation.