Assange, so lesen wir, kann nicht verwinden, dass es da jemanden neben ihm gibt. Er erträgt es nicht, wenn Domscheit-Berg ebenfalls als Gründer von Wikileaks bezeichnet wird. Sie streiten ums Geld und um Abrechnungsbelege. Assange manipuliert, erzählt Lügen darüber, was andere ihm über Domscheit-Berg berichtet hätten. Schließlich gibt jede Kleinigkeit Anlass zum Streit. Fenster auf oder zu, schlafen oder nicht, pünktlich sein oder zu spät kommen: Passagen wie aus einem Lehrbuch für Eheberater. Domscheit-Berg verfällt stets in die Verteidigungsrolle. Assange wirft ihm vor, er habe nach seinem Umzug nach Berlin den eigenen Namen ans Klingelschild geschrieben: "Gefährlich!" Domscheit-Berg reagiert: "Das hatte ich doch auch schon vorher. Und überhaupt tausche ich alle Schlösser aus." Wer will das wissen?

Aus den jüngsten Wikileaks-Büchern der New York Times , des Guardian und des Spiegels erfuhren wir, dass Julian Assange ein Egozentriker ist, dem es schwer fällt, Regeln einzuhalten und den Anstand zu wahren. Domscheit-Berg erklärt nun, woraus sich Assanges Verhalten speist. Wie er aus dem Studium der Scientology-Handbücher lernt, wie Kult funktioniert und wie man ihn einsetzt. Wie er im Handstreich die ungeklärte Frage löst, wer bei Wikileaks eigentlich die Entscheidungen trifft: er selbst. Wie er sich im Zuge der Afghanistan- und Irak-Veröffentlichungen das militärische Vokabular aneignet: "Du bist suspendiert wegen Illoyalität, Insubordination und Destabilisierung in einer Krisensituation", schreibt Assange an Domscheit-Berg. Wie er sich schließlich hineinsteigert in die Idee, eine insurgent operation zu führen, einen geheimen Aufstand.

All das ist unterhaltend, erhellt manche Unklarheit, führt aber wenig weiter. Bis Domscheit-Berg berichtet, wie sich die Trennung von Assange gestaltete. Denn nicht nur er selbst verlässt Wikileaks. Mit ihm geht der "Architekt". Wer das ist, wird nicht recht erklärt, nur soviel: Er sei Programmierer und habe innerhalb von eineinhalb Jahren aus der anfälligen Wikileaks-Technik ein stabiles Netz gebaut. Das löst er auf, als er die Gruppe verlässt, und verwahrt alle Dokumente, die bis dahin von Informanten eingereicht worden sind – unzugänglich für Assange.

Das ist die Rache der internen Kritiker um Domscheit-Berg: Assange mit der Forderung nach Geheimhaltung zu konfrontieren, welche der Australier stets selbst vor sich her trägt. Denn für sich verwenden wollen die Aussteiger die gesicherten Informationen gar nicht, Wikileaks soll das Material zurückerhalten, wenn es den Schutz der Daten garantieren kann. Doch Domscheit-Berg lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht daran glaubt, das könne der geschrumpften Helferschar Assanges jemals gelingen.

Was bleibt nach der Lektüre von Wikileaks übrig? Der Gedanke, dass man die Welt besser machen kann, indem Missstände öffentlich angeprangert werden und Herrschaftswissen durch Transparenz ersetzt wird. Dieser Gedanke ist schon oft gedacht worden, seit Menschen für Freiheit und Demokratie kämpfen. Wikileaks hatte neue technische Möglichkeiten , diesem Kampf eine weitere Wende zu geben. Seine Protagonisten aber haben sich zwischen Größenwahn und Naivität verfangen. Auf der Strecke bleiben alle mutigen Geheimnisverräter, deren Dokumente nun irgendwo in einem Datengrab schlummern. Wikileaks aber ist wieder das, was es vor drei Jahren war: eine aufregende Idee im Kopf Julian Assanges, ohne Unterbau, ohne Organisation.