Als ich nach zwei Wochen die ersten Seiten des Manuskripts abgeben muss, werde ich wieder zur Vorsicht ermahnt: Sie dürfen keinesfalls einfach als Dateien-Anhang einer Mail zwischen mir, Daniel und den beiden Lektorinnen kursieren. Auch der IT-Fachmann des Ullstein-Verlags wird plötzlich von Sorgen vor Hackerangriffen heimgesucht. Er richtet für uns einen sicheren Server ein, auf dem wir unsere Fassungen verschlüsselt untereinander austauschen können. Für die mehr als ein Dutzend Übersetzer sollen Wasserzeichen entwickelt werden. Sollte doch eine Fassung vorab nach außen dringen, ließe sich so feststellen, wo genau sich die undichte Stelle befindet.

Es sind keine Hirngespinste, die Daniel so vorsichtig sein lassen. Einmal berichtet er, dass in der Schule seines Sohns Mitarbeiter des amerikanischen Außenministeriums aufgetaucht seien und Kontakt zu anderen Eltern aufgenommen hätten. Freunde von Daniel werden vom Auswärtigen Amt informiert, dass man bei Auslandsreisen nicht garantieren könne, dass sie in den USA nicht festgesetzt und befragt werden würden.

Auch ich habe plötzlich so ein Knacken in der Telefonleitung. Oder bilde ich mir das nur ein? Irgendwann gewöhne ich mich an die Vorstellung, dass jemand meine E-Mails mitliest. Einige Tage lang zensiere ich mich selbst, auch in privaten Mails, entwickle ein schreiberisches Über-Ich. Genau diese Sorglosigkeit ist es ja, die den USA zum Verhängnis geworden ist, als die vertraulichen Mitteilungen ihrer Botschafter dank Wikileaks plötzlich von allen nachgelesen werden konnten. Und tatsächlich tauchen kurz vor dem Erscheinungstermin am Freitag auf der Enthüllungs-Website Cryptome drei Seiten aus dem Buch auf. Es sind englischsprachige Auszüge, aus den bereits gesetzten Fahnen. Das heißt, irgendwo auf dem Weg zwischen den englischsprachigen Verlagen (Crown in den USA oder beim kanadischen oder australischen Verlag) und der Kommunikation mit Presse, Druckerei oder einer anderen Stelle, der man die Fahnen zeigte, muss sich eine Lücke aufgetan haben.

Was fasziniert so viele Menschen an Wikileaks? Julian Assange ist sicherlich ein Teil davon. Ich frage Daniel immer wieder nach seinem Verhältnis zu Julian. Ihn nervt das, die Sache solle im Vordergrund stehen. Doch die Beziehung dieser beiden Protagonisten ist eben auch Teil der Sache. Julian und Daniel waren die treibenden Kräfte des Projekts, sie arbeiteten Seite an Seite daran, dass die Website bekannt wurde, bei Informanten, in den Medien und auch unter potenziellen Spendern. Sie waren auf zahlreichen Konferenzen zusammen, Julian wohnte bei Daniel in Wiesbaden, sie reisten gemeinsam nach Island.

Das Projekt wurde schließlich Opfer seines eigenen Erfolgs. Es meldeten sich immer mehr Spender, Journalisten und Geheimnisverräter. Als plötzlich Ruhm und Aufmerksamkeit zu verteilen waren, kam es zu Neid und Missgunst zwischen den Beteiligten. Auch wenn es am Ende die inhaltlichen Differenzen um die Ausrichtung von Wikileaks waren: Zum ersten Mal spricht Daniel nun auch darüber, was ihn und Julian persönlich entzweite. Eine Abrechnung soll es dennoch nicht sein. Vermutlich brauchte es einen Menschen wie Assange, um das Projekt groß und bekannt zu machen: laut, arrogant, wenig liebenswert, aber durchsetzungsstark.

Daniel ist anders. Er braucht keinen permanenten Clash, um sich seiner eigenen Bedeutsamkeit zu versichern. Er ist kein Spießer, aber man merkt ihm seine bürgerliche Erziehung an. Vor einem offiziellen Termin bringt Daniel seine Anzughose in die Reinigung und lässt sie bügeln. Julian hat sich darüber furchtbar aufgeregt. Heute erscheint er selbst im Anzug auf Pressekonferenzen oder vor Gericht.