Christiane Floyd ist in vielerlei Hinsicht eine Pionierin. Mit ihrem Konzept der evolutionären partizipativen Systemgestaltung formulierte sie bereits in den achtziger Jahren eine Vorläuferidee des Open Source. Sie war die erste Informatik-Professorin Deutschlands. Seither setzt sie sich für die Emanzipation durch Computer ein – nicht nur diejenige der Frau, sondern auch der User.

Kommt die Rede auf Frauen und Informatik, ist Floyd vor allem darum bemüht, nicht auf ihre Ausnahmestellung als erste Informatik-Professorin Deutschlands reduziert zu werden. "Wäre ich die zweite gewesen, wäre mein Wert oder Unwert doch derselbe", erklärt sie.

Dass Frauen nicht mit Computern umgehen könnten, sei ein Klischee: "Richtig ist, dass Computer sogar die gesellschaftliche Situation von Frauen stärken. In Entwicklungsländern trägt etwa die Öffentlichkeit im Netz dazu bei, dass sie sich auch außerhalb der oft repressiven Strukturen in ihrem Umfeld austauschen können", sagt Floyd. Die Vernetzung helfe, die Kultur des Schweigens zu durchbrechen, die dort bei der Unterdrückung von Frauen eine wichtige Rolle spiele.

Den geringen Frauenanteil in der Informatik führt sie unter anderem darauf zurück, dass der Studiengang technikzentriert sei und das Arbeiten am Computer auf spielerischem Ausprobieren basiere. "Das Rumprobieren mit der Technik um seiner selbst Willen liegt Frauen weniger, schon in den Kinderzimmern", meint Floyd. Höher sei ihr Anteil in Studiengängen wie der Medieninformatik, die das Fach in Verbindung mit anderen Inhalten lehrten. Hier kämen dann "weibliche Skills" zum Tragen.

Sie selbst war eine der ersten, die die Scheuklappen der Zunft ablegten und sich auch mit den sozialen Umständen der Softwareentwicklung beschäftigten. Ihr Konzept der evolutionären partizipativen Systemgestaltung sieht die Zusammenarbeit von Benutzern und Programmierern bei der Systementwicklung vor.

Lange Zeit habe man das von Seiten der Industrie belächelt. Dann jedoch habe man bemerkt, dass sich Softwaresysteme tatsächlich verbessern ließen, wenn man die Meinung derjenigen ernst nahm, die sie täglich benutzten. "Die Gegenüberstellung der Interessen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist zu einfach für das Computerzeitalter", sagt Floyd. "Man ist heute in gemeinsamer Unkenntnis gegenüber der Maschine vereint. Die Verbesserung von Programmen ist sowohl im Interesse der Benutzer als auch in dem der Softwareanbieter und Arbeitgeber."

Für Floyd ist das ein Symptom einer allgemeinen Aufweichung hergebrachter Hierarchien, die die Informationsrevolution mit sich brachte. "Computer waren anfangs dazu gedacht, die Kontrolle der Bürger durch die Mächtigen in Wirtschaft, Militär und Politik zu vergrößern", erinnert sie sich. "Nachdem aber den riesigen Zentralrechnern ein Netzwerk von PCs entgegen trat, geschah genau das Gegenteil. Ob in Betrieben, Universitäten oder in der Politik – die Kommunikationstechnologie hilft heute, Grenzen zwischen Menschen zu überwinden, vor allem solche hierarchischer Natur." Jüngste Beispiele dieser Entwicklung seien Wikileaks, Guttenplag und die arabischen Revolutionen.

 

Dieser politische Effekt sei durchaus von den Architekten der Informationsrevolution beabsichtigt gewesen. Sie habe während ihrer Zeit an der Universität von Stanford miterlebt, wie sich die Ideen von 1968 auch in Informatiker-Kreisen niedergeschlagen hätten. Eine wichtige Rolle bei ihrer Verbreitung habe Xerox PARC gespielt, ein Forschungszentrum des bekannten Herstellers von Kopiergeräten. Dort habe man bewusst die zivile Nutzung von Computern gefördert und – was für amerikanische Universitäten ungewöhnlich sei – schon immer auf die Zusammenarbeit mit dem Militär verzichtet.

Floyd sieht sich der Idee einer offenen Informationsgesellschaft verpflichtet, räumt aber auch Kritikpunkte ein. Es gebe ein "kalifornisches Wertesystem", das in einer regelrechten "Google-Ideologie" gemündet habe. Convenience und Flexibilität würden über Alles gestellt, oft zum Leidwesen anderer Werte wie etwa dem geistigen Eigentum und der Privatsphäre.

Dass gerade in Deutschland der Widerstand gegen die Transparenz der Bürger groß ist, begrüßt sie. Sie habe in den Achtzigern an einer Verfassungsklage gegen die Vermischung von personalisierten und anonymisierten Daten bei der Volkszählung mitgewirkt. Die deutsche Sonderstellung auf dem Gebiet des Datenschutzes erklärt sie sich vor allem aus den negativen Erfahrungen mit dem Obrigkeitsstaat in der Geschichte des Landes. Vergleichbare Bedenken gebe es in den USA kaum.

Floyd sieht die Zukunft der Informatik in Nanotechnologien, Multimedia-Anwendungen und evolutionären Algorithmen. Gerade arbeitet sie in Äthiopien am Aufbau eines Promotionsstudiengangs für Informatiker .