"Wieso interessiert sich die US-Regierung für Storytelling ?", fragte unlängst verblüfft das Magazin The New Yorker – und verwies auf eine Special Notice der Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa) vom Februar 2011. Darin rief die Forschungsfabrik des Pentagons Computerphilologen, Neurowissenschaftler und Medienpsychologen auf, an einem offenen Workshop namens STORyNET teilzunehmen. Untertitel der Veranstaltung: "Analyse und Aufschlüsselung von Erzählungen in Sicherheitskontexten."

Was man sich darunter vorzustellen habe, wurde aus dem Erläuterungstext des Papiers nicht klarer. "Verwirrend" sei das ja, kommentierte eine vom New Yorker zu Rate gezogene Literaturprofessorin. Vielleicht gehe es "um die Blüte der Verschwörungstheorien in Blogs"?

Es geht um mehr als das. STORyNET ist ein Forschungsvorhaben, mit dem das US-Militär lernen will, Feinde wie Taliban und al-Qaida an der Propagandafront zu besiegen – und zwar auf erzählerischem Wege. Für die überraschende Mission sammelt die Darpa derzeit Wissenschaftler und Fachmeinungen ein.

Zum ersten von drei geplanten Workshops brachte sie 84 Experten zusammen, unter ihnen den Interactive-Drama-Pionier Peter Wehyrauch, den Neuromarketing-Spezialist Read Montague, den Computerphilologen Mark A. Finlayson und den Chef des Counter-Misinformation Teams des State Departments, Todd Leventhal. Die exotisch besetzte Runde diskutierte ein Thema, das eher weniger kriegswichtig klang: "Was ist eine Story?" Ein zweiter Workshop startet am 25. April und beschäftigt sich mit dem Thema : "Narrative Networks – The Neurobiology of Narrative."

Tatsächlich haben die US-Militärs gute Gründe, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Seit Jahren suchen sie nach Wegen, im Krieg der Ideen effektiv ihre Weltsicht zu verbreiten. 2006 gründete das State Department ein Digital Outreach Team, das auf Websiten und in Blogs von strategischer Bedeutung, etwa in Pakistan oder Afghanistan, in Landessprache mitdiskutiert . Für den Bereich Social Media existiert ein Programm namens Operation Earnest Voice , dessen digitale Meinungsmacher mithilfe multipler Identitäten auf Facebook & Co. die amerikanische Sache vertreten. Zwischenzeitlich betrieb das State Department auch ein Weblog namens America.gov , das über Misinformation von islamischen Extremisten und Verschwörungstheoretikern aufklären sollte.

Doch schwant den Militärstrategen, dass ihre Bemühungen unter Umständen ins Leere laufen. Dann nämlich, wenn das Zielpublikum in Codes kommuniziert, die für westliche Propaganda komplett außer Reichweite liegen. In Afghanistan, der Hochburg von Taliban und al-Qaida, ist genau das der Fall.

Afghanistans Bevölkerung besteht laut Human Development Index zu 72 Prozent aus Analphabeten. Deshalb hat die Jahrhunderte zurückreichende mündliche Erzähltradition des Landes dort bis heute eine wichtige soziale und identitätsbildende Funktion. Die fehlende Alphabetisierung macht es für die Amerikaner schwierig, mit ideologischen Programmen durchzudringen. Doch das grundlegendere Problem sehen die US-Militärs im fehlenden Zugriff auf die afghanischen Erzählmuster.