Dabei wäre das arabische Internet-Geschöpf längst in den digitalen Müllhalden des World Wide Web verschwunden, wäre es nicht so genau auf westliche Orientklischees vom arabischen Frühling zugeschnitten gewesen: Eine junge Demokratin, die selbstbewusst in einer männerdominierten Gesellschaft mitmischt. Eine Lesbe, die der muslimischen Kultur trotzt. Eine moderne Araberin, die sich fließend in Englisch verständigen kann.

"Wir wollen alle Aspekte unserer Gesellschaften revolutionieren, nicht nur wie unsere Staaten regiert werden, auch die Rolle der Frauen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und das Recht, zu heiraten, wen wir lieben", gab die vermeintliche Amina Araf als virtuelles Credo aus.

Der Betrug wirft Fragen auf zur Rolle der sozialen Medien – Blogs, Tweets oder Facebook, die in Zeiten staatlicher Nachrichtenblockaden zu Standardquellen der Berichterstattung werden können. Seit drei Monaten dürfen in Syrien keine ausländischen Journalisten einreisen. Nach außen dringen einzig die Staatspropaganda sowie ein Rinnsal von Amateurvideos zusammen mit Angaben von Augenzeugen. So kann ein anonymer Twitterer zu Syrien genauso in New York oder Moskau sitzen wie in Aleppo oder Beirut.

Fälscher Tom MacMaster scheint verstanden zu haben, welchen Schaden er angerichtet hat: "Ich habe die Aufmerksamkeit der Welt abgelenkt von wichtigen Anliegen tatsächlicher Menschen an tatsächlichen Orten. Ich habe dazu beigetragen, den Lügen des Regimes zu mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen. Dafür entschuldige ich mich."

Erschienen im Tagesspiegel